Ablachtalbahn: Wie eine fast vergessene Bahnstrecke in Baden-Württemberg zurückkehrte
Es gibt Bahnstrecken, die stillgelegt werden und wenige Jahre später kaum noch zu erkennen sind. Gleise verschwinden unter Asphalt, Bahnhöfe werden verkauft und auf ehemaligen Trassen entstehen Radwege. Bei der Ablachtalbahn zwischen Stockach und Mengen verlief die Geschichte anders. Auch hier sah es lange danach aus, als würde die Eisenbahn aus der Region verschwinden. Heute fahren wieder Züge.
Das Bemerkenswerte daran: Die Rückkehr begann nicht mit einem großen Ausbauprogramm. Kommunen, ein Förderverein und viele Unterstützer sorgten dafür, dass eine vorhandene Strecke wieder nutzbar wurde. Seit 2021 verbindet die Biberbahn Stockach und Mengen wieder im Freizeitverkehr. Gleichzeitig wird daran gearbeitet, aus der Ausflugsbahn langfristig wieder eine richtige Nahverkehrsverbindung zu machen.
Wo verläuft die Ablachtalbahn?
Die historische Bahnstrecke verbindet den Raum am Bodensee mit dem Donautal. Der heute für die Ablachtalbahn besonders interessante Abschnitt führt von Stockach über Mühlingen, Sauldorf, Meßkirch und Krauchenwies nach Mengen. Zwischen Stockach und Mengen sind es rund 39 Kilometer.
In Stockach besteht Anschluss in Richtung Radolfzell und Bodensee, in Mengen trifft die Strecke auf die Donautalbahn. Damit besitzt die Verbindung eine interessante Lage: Sie schafft eine direkte Schienenachse zwischen Bodensee und Donau.
Eine Bahnstrecke mit großen Plänen
Die Ursprünge der Verbindung reichen bis ins 19. Jahrhundert zurück. Die Strecke Radolfzell–Mengen war ursprünglich als Teil einer überregionalen Verbindung in Richtung Ulm und Schweiz gedacht. Entsprechend großzügig wurde die Bahn teilweise angelegt.
Für Orte wie Meßkirch bedeutete die Eisenbahn damals einen gewaltigen Fortschritt. Waren konnten einfacher transportiert werden und die ländliche Region erhielt Anschluss an größere Wirtschaftsräume.
Wie auf vielen Nebenbahnen änderten sich die Verkehrsströme allerdings im Laufe des 20. Jahrhunderts. Straßenverkehr, Busse und der zunehmende private Pkw machten der Bahn Konkurrenz. Seit den 1960er-Jahren wurden Verkehre eingestellt und Teile des Streckennetzes zurückgebaut.
Der Personenverkehr verschwand
Auf der Ablachtalbahn verschwanden die regulären Personenzüge abschnittsweise. Noch in den 1960er- und 1970er-Jahren waren die typischen roten Schienenbusse der Baureihe VT 98 beziehungsweise VT 798 in der Region unterwegs.
Ganz bedeutungslos wurde die Strecke jedoch nie. Der Abschnitt Mengen–Meßkirch wurde 1986 für den Güterverkehr wieder aufgebaut. Auch an anderer Stelle blieb Eisenbahninfrastruktur erhalten. Genau das sollte Jahrzehnte später entscheidend werden.
Stockach–Radolfzell zeigte, dass eine Reaktivierung funktionieren kann
Ein Teil der historischen Verbindung hatte bereits wesentlich früher ein Comeback. Zwischen Stockach und Radolfzell wurde der Personenverkehr 1996 wieder aufgenommen. Heute ist die Verbindung als Seehäsle bekannt.
Damit entstand eine interessante Situation: Südlich von Stockach fuhren wieder regelmäßig Personenzüge, während die Gleise in Richtung Meßkirch und Mengen weitgehend im Dornröschenschlaf lagen.
Die Schienen waren also vielerorts noch vorhanden. Es fehlte vor allem eine Perspektive für ihren dauerhaften Betrieb.
Der Wendepunkt kam 2020
Ab etwa 2015 formierte sich entlang der Strecke zunehmend Unterstützung für eine Reaktivierung. Bürger, Kommunalpolitiker und Eisenbahnfreunde beschäftigten sich mit der Frage, ob die vorhandene Infrastruktur wieder sinnvoll genutzt werden könnte.
2020 entstand der Förderverein Ablachtalbahn. Im selben Jahr fiel eine Entscheidung, ohne die es die heutige Biberbahn vermutlich nicht gäbe.
Die Stadt Meßkirch und die Gemeinde Sauldorf beschlossen, die Bahnstrecke zwischen Stockach und Mengen vom bisherigen privaten Eigentümer zu übernehmen. Der Kaufpreis betrug symbolisch einen Euro. Ende 2020 wurde der Kauf vollzogen, seit März 2021 wird die Strecke unter kommunaler Verantwortung betrieben.
Damit war die Ablachtalbahn gerettet. Fahrbereit war sie deshalb allerdings noch lange nicht überall.
Erst einmal musste die Strecke wieder fit werden
Nach Jahren mit nur geringer Nutzung gab es einiges zu tun. Vegetation musste zurückgeschnitten, Gleise kontrolliert und Bahnübergänge wieder betriebsfähig gemacht werden. An einzelnen Stellen waren Schäden zu beseitigen.

Dabei wurde bewusst schrittweise vorgegangen. Statt zuerst die komplette Strecke für einen modernen Nahverkehr auszubauen, sollte möglichst schnell wieder ein grundlegender Bahnbetrieb möglich werden.
Diese Strategie funktionierte erstaunlich schnell.
2021 kehrten die Personenzüge zurück
Im Juli 2021 wurde die Strecke wieder für den Personenverkehr reaktiviert. Unter dem Namen Biberbahn entstand ein Freizeitverkehr zwischen Stockach und Mengen.
Die Resonanz war bereits in der ersten Saison beachtlich. Am Eröffnungstag wurden nach damaligen Angaben mehr als 500 Fahrgäste gezählt. In den folgenden Wochen waren es durchschnittlich rund 400 Fahrgäste je Betriebstag.
Aus einer Bahnstrecke, deren Zukunft wenige Jahre zuvor noch völlig offen war, war wieder eine Verbindung geworden, in die Menschen tatsächlich einsteigen konnten.

Die Biberbahn fährt auch 2026
Inzwischen hat sich der Freizeitverkehr etabliert. In der Saison 2026 fährt die Biberbahn vom 1. Mai bis 18. Oktober an Sonn- und Feiertagen. Unterwegs werden unter anderem Mühlingen-Zoznegg, Sauldorf, Bichtlingen, Meßkirch, Menningen-Leitishofen, Göggingen und Krauchenwies bedient. Neu hinzugekommen ist 2026 der Halt Zizenhausen.
Wer selbst einmal über die Strecke fahren möchte, findet Fahrplan, Tarife und aktuelle Fahrtage direkt auf der Internetseite der Biberbahn.
Auch Güterzüge nutzen die Strecke wieder
Die Ablachtalbahn ist dabei mehr als eine reine Museums- oder Touristenbahn. Auf der Strecke findet ebenfalls Güterverkehr statt. Unter anderem spielen Holztransporte und die Bedienung regionaler Unternehmen eine Rolle.
Das macht die Reaktivierung besonders interessant. Eine vorhandene Bahnstrecke wird gleichzeitig für Freizeitverkehr, Güterverkehr und möglicherweise künftig wieder für täglichen Nahverkehr genutzt.

Vom Ausflugszug zum täglichen Nahverkehr?
Die Biberbahn ist deshalb möglicherweise nur ein Zwischenschritt. Das langfristige Ziel ist ein regelmäßiger Schienenpersonennahverkehr zwischen Bodensee und Donau.
Eine 2023 vorgestellte Machbarkeitsstudie untersuchte einen Stundentakt. Inzwischen liegt auch eine standardisierte Nutzen-Kosten-Untersuchung vor. Nach Angaben des Fördervereins erreicht das Vorhaben einen Nutzen-Kosten-Faktor von 1,24. Ein Wert über 1 bedeutet bei dieser Untersuchung, dass der errechnete volkswirtschaftliche Nutzen die angesetzten Kosten übersteigt.
Für einen solchen Regelbetrieb wäre allerdings ein wesentlich umfangreicherer Ausbau erforderlich. Gleise, Bahnübergänge, Stationen und weitere Infrastruktur müssten modernisiert werden. Vorgesehen sind Geschwindigkeiten von überwiegend 80 und abschnittsweise bis zu 100 km/h.
Die heutige Biberbahn darf deshalb nicht mit dem geplanten späteren Nahverkehr verwechselt werden. Aktuell handelt es sich weiterhin um einen saisonalen Freizeitverkehr. Der mögliche tägliche Stundentakt ist ein eigenes Ausbauprojekt.
Die Infrastruktur wird bereits verbessert
Trotzdem lässt sich entlang der Strecke beobachten, dass sich etwas verändert. Bahnübergänge werden modernisiert und Haltepunkte verbessert oder neu geschaffen. In Stockach gingen beispielsweise neue Schrankenanlagen an der Tuttlinger Straße und der Berlingerstraße in Betrieb.
Besonders spannend ist das Engagement vor Ort. An mehreren Stationen haben Bürger und Ehrenamtliche selbst beim Bau oder bei der Verbesserung von Bahnsteigen geholfen. Der Förderverein unterstützt außerdem bei Vegetationspflege, Veranstaltungen und dem Betrieb der Biberbahn.
Warum die Ablachtalbahn ein interessantes Beispiel ist
Die Geschichte der Ablachtalbahn zeigt vor allem, welchen Wert eine vorhandene Bahntrasse Jahrzehnte nach dem Ende des regulären Personenverkehrs noch haben kann.
Wären die Gleise vollständig abgebaut und die Grundstücke anderweitig genutzt worden, wäre eine Rückkehr der Eisenbahn heute erheblich schwieriger und teurer. Stattdessen konnten Meßkirch und Sauldorf auf einer vorhandenen Infrastruktur aufbauen und sie Stück für Stück wieder nutzbar machen.
Innerhalb weniger Jahre entwickelte sich so aus einer kaum befahrenen Strecke wieder eine Bahn mit regelmäßigem Freizeitverkehr und Güterzügen. Gleichzeitig besteht erstmals seit Jahrzehnten eine konkrete Perspektive für täglichen Personenverkehr.
Ein Ausflug für Eisenbahnfans
Schon der heutige Betrieb macht die Ablachtalbahn zu einem interessanten Ziel für Eisenbahnfreunde. Die Strecke führt durch eine ländliche Region abseits der großen Hauptbahnen und verbindet gleich mehrere sehenswerte Orte.
Interessant ist beispielsweise ein Zwischenstopp in Meßkirch. Von dort lässt sich unter anderem der Campus Galli besuchen. Wer historische Bahnen und ungewöhnliche Eisenbahnstrecken mag, findet auf unserer Eisenbahn-Erlebniskarte weitere Ziele für Ausflüge.
Fazit: Eine Bahnstrecke bekommt eine zweite Chance
Die Ablachtalbahn ist noch keine vollständig reaktivierte Nahverkehrsstrecke. Trotzdem ist ihre Entwicklung bemerkenswert. Vor wenigen Jahren war offen, ob die Verbindung zwischen Stockach und Mengen überhaupt eine Zukunft haben würde. Heute fahren wieder Personenzüge und Güterzüge über die Strecke.
Der entscheidende Schritt war dabei, die vorhandene Infrastruktur zu erhalten und wieder zu nutzen. Aus dem kommunalen Engagement entstand innerhalb kurzer Zeit ein funktionierender Freizeitverkehr. Nun geht es um die deutlich größere Frage, ob daraus wieder eine tägliche Bahnverbindung zwischen Bodensee und Donau werden kann.
Wer die Strecke heute mit der Biberbahn befährt, erlebt deshalb mehr als eine schöne Nebenbahn in Baden-Württemberg. Man fährt über eine Strecke, die beinahe aus dem öffentlichen Bewusstsein verschwunden war und gerade ein ungewöhnliches zweites Kapitel ihrer Geschichte schreibt.
Weitere Informationen
- Biberbahn – Fahrplan, Fahrtage und aktuelle Informationen
- Förderverein Ablachtalbahn e.V.
- Eisenbahn-Erlebniskarte auf Gleismomente.de
Fotonachweise
- Artikel-‚Foto: Creative Commons Attribution-Share Alike 4.0 International, Louis Bafrance
