Der Name Henschel gehört fest zur deutschen Eisenbahngeschichte. Über viele Jahrzehnte entstanden in Kassel Dampflokomotiven, Dieselloks und später auch elektrische Lokomotiven für Bahngesellschaften in aller Welt. Das Henschel-Museum + Sammlung in Kassel erinnert heute an diese Geschichte und befindet sich ausgerechnet dort, wo früher tatsächlich für Henschel gearbeitet wurde: auf dem historischen Werksgelände in Rothenditmold.
Wer hier eine riesige Halle voller Lokomotiven erwartet, wird allerdings überrascht sein. Das Museum ist eher ein sehr umfangreiches Firmen- und Technikarchiv mit Ausstellung. Modelle, historische Fotografien, Originalzeichnungen und Dokumente erzählen die Geschichte des Kasseler Unternehmens über sechs Generationen hinweg.
Bildplatzhalter: Historische Henschel-Lokomotive oder Lokmodell im Henschel-Museum Kassel.
Bildunterschrift: Henschel entwickelte sich von einer Kasseler Gießerei zu einem der bedeutendsten Lokomotivhersteller Europas.
Henschel und der Lokomotivbau in Kassel
Die Geschichte des Unternehmens begann bereits 1810. Aus einer zunächst vergleichsweise kleinen Gießerei entwickelte sich in den folgenden Jahrzehnten ein großer Maschinenbaubetrieb. Für Eisenbahnfreunde wird es 1848 besonders interessant. In diesem Jahr verließ mit dem „Drache“ die erste bei Henschel gebaute Dampflokomotive die Werkhallen in Kassel. Damit begann eine Lokomotivbautradition, die die Stadt über mehr als ein Jahrhundert prägen sollte. Henschel entwickelte sich später zu einem der größten Lokomotivhersteller Europas. Dampflokomotiven aus Kassel wurden nicht nur an deutsche Bahngesellschaften geliefert, sondern in zahlreiche Länder exportiert.Vom Drache bis zum ICE
Für Eisenbahnfreunde sind innerhalb des Museums vor allem die Bereiche zur Entwicklung des Lokomotivbaus interessant. Modelle und historische Unterlagen dokumentieren den Weg von den ersten Dampflokomotiven des 19. Jahrhunderts bis zu modernen Schienenfahrzeugen. Zu sehen sind unter anderem Lokomotivmodelle aus unterschiedlichen Epochen. Die Entwicklung reicht vom Drache aus dem Jahr 1848 über Dampf- und Diesellokomotiven bis hin zur Eisenbahntechnik der jüngeren Vergangenheit. Auch ICE und Transrapid tauchen in der Unternehmensgeschichte auf. Ein originales Drehgestell zeigt außerdem, dass Henschel weit mehr als komplette Lokomotiven entwickelte und fertigte. Gerade solche technischen Exponate machen den Rundgang für Besucher interessant, die sich genauer für die Konstruktion von Schienenfahrzeugen interessieren.Ein riesiges Lokomotivarchiv
Der vielleicht größte Schatz des Henschel-Museums steht nicht unbedingt in einer Ausstellungsvitrine. Zum Museum gehört ein umfangreiches Lokomotivarchiv. Dort werden originale und verfilmte Konstruktionszeichnungen aus rund 100 Jahren Lokomotivbau aufbewahrt. Hinzu kommen eine große Fotosammlung mit etwa 2.000 Glasplattennegativen und rund 100 historischen Fotoalben. Gerade für Eisenbahnhistoriker, Modellbauer und Freunde bestimmter Henschel-Lokomotiven kann dieses Archiv ausgesprochen spannend sein. Viele Unterlagen dokumentieren Fahrzeuge, die längst verschwunden sind oder von denen heute nur noch wenige Exemplare existieren. Das Archiv wird ehrenamtlich betreut. Nur ein Teil der großen Zeichnungssammlung ist bislang digital erfasst. Wer nach Unterlagen zu einer bestimmten Lokomotive sucht, kann sich mit einer konkreten Anfrage an das Museum wenden.Historische Werkfotos und Glasplattennegative
Bevor Digitalkameras und selbst Kleinbildfotografie selbstverständlich waren, dokumentierte Henschel seine Fahrzeuge auf großformatigen Fotografien. Zahlreiche dieser historischen Werkaufnahmen sind im Museum erhalten geblieben. Sie zeigen Lokomotiven häufig unmittelbar nach der Fertigstellung, noch bevor sie Kassel in Richtung ihres späteren Einsatzortes verließen. Für Eisenbahnfreunde sind solche Aufnahmen eine interessante Quelle, weil Details und ursprünglicher Auslieferungszustand gut zu erkennen sind. Bildplatzhalter: Historisches Henschel-Werkfoto oder Konstruktionszeichnung. Bildunterschrift: Tausende historische Fotos und Zeichnungen dokumentieren den Lokomotivbau bei Henschel.Technische Bibliothek mit Eisenbahnliteratur
Zum Bestand gehört außerdem die historische technische Bibliothek des Unternehmens. Sie entstand bereits wenige Jahre nach Beginn des Kasseler Lokomotivbaus. Vor dem Zweiten Weltkrieg umfasste die Bibliothek fast 15.000 Werke. Heute sind noch ungefähr 4.500 Titel vorhanden. Darunter befinden sich historische Fachbücher und Zeitschriften aus Maschinenbau, Technik und Eisenbahngeschichte. Die Bibliothek ist keine klassische öffentliche Museumsbibliothek, kann von Interessierten aber nach vorheriger Anfrage genutzt werden.Mehr als nur Eisenbahn
Henschel war zwar berühmt für seine Lokomotiven, das Unternehmen produzierte im Laufe seiner Geschichte aber wesentlich mehr. Dazu gehörten Lastwagen, Busse, Baumaschinen und verschiedene technische Anlagen. Auch diese Bereiche werden im Museum behandelt. Die Ausstellung erzählt deshalb zugleich ein Stück Kasseler Industriegeschichte und zeigt, welchen Einfluss Henschel auf die Entwicklung der Stadt hatte.Das historische Henschel-Werk Rothenditmold
Schon der Standort macht den Besuch besonders. Das Museum befindet sich auf dem ehemaligen Henschel-Werksgelände in Kassel-Rothenditmold. Der Standort entstand ab 1871, nachdem der erfolgreiche Lokomotivbau eine Erweiterung der vorhandenen Anlagen notwendig gemacht hatte. Zunächst wurde hier eine große Hammerschmiede errichtet, später kamen unter anderem Kesselschmiede und weitere Produktionshallen hinzu. Viele der historischen Gebäude sind noch erhalten und stehen heute unter Denkmalschutz. Damit befindet sich die Sammlung nicht irgendwo in einem modernen Museumsbau, sondern mitten in einem Teil der ehemaligen Henschel-Industrieanlagen.Henschel-Museum und Technik-Museum Kassel
Auf demselben historischen Werksgelände befindet sich auch das Technik-Museum Kassel. Beide Einrichtungen sollte man trotzdem auseinanderhalten. Das Henschel-Museum konzentriert sich stark auf die Geschichte der Familie und des Unternehmens sowie auf Archive, Dokumente und Modelle. Im benachbarten Technik-Museum stehen dagegen größere technische Exponate und Fahrzeuge im Mittelpunkt. Für Eisenbahnfreunde kann es deshalb sinnvoll sein, beide Einrichtungen bei einem Besuch in Kassel miteinander zu verbinden. Die jeweiligen Öffnungszeiten sollten vorher separat geprüft werden.Öffnungszeiten des Henschel-Museums
Das Museum wird vollständig ehrenamtlich betrieben und hat deshalb keine täglichen Öffnungszeiten.- Geöffnet: jeweils am ersten Samstag und Sonntag im Monat
- Öffnungszeit: 14:00 bis 17:00 Uhr
- Zusätzliche Termine: zu Veranstaltungen und nach Vereinbarung
- Führungen: für Gruppen, Interessierte und Schulklassen nach vorheriger Anfrage
- Eintritt: kostenlos, Spenden sind willkommen
Adresse und Anreise
- Adresse: Wolfhager Straße 109, 34127 Kassel
- Stadtteil: Rothenditmold
- Bundesland: Hessen
- Eintritt: kostenlos
- Parken: kostenlose Parkplätze am Museum
- ÖPNV: Buslinie 10 bis Haltestelle Siemensstraße
- Internetseite: www.henschel-museum.net
Lohnt sich das Henschel-Museum für Eisenbahnfreunde?
Wer vor allem möglichst viele große Originallokomotiven sehen möchte, findet passendere Eisenbahnmuseen. Die Stärke des Henschel-Museums liegt an einer anderen Stelle: Hier lässt sich tief in die Geschichte eines der bedeutendsten deutschen Lokomotivhersteller eintauchen. Modelle, historische Werkfotos, Konstruktionszeichnungen und das riesige Lokomotivarchiv machen den Ort besonders für Eisenbahnfreunde interessant, die mehr über die Technik und Entstehung der Fahrzeuge erfahren möchten. Weitere Eisenbahnmuseen, historische Fahrzeuge und besondere Orte rund um die Eisenbahn findest du auf unserer Eisenbahn-Erlebniskarte.Bildnachweis
- Die 10.000. Lokomotive von Henschel & Sohn in Kassel, 1910. Foto: J. Benade Nachfahren / Universitätsbibliothek Kassel, Landesbibliothek und Murhardsche Bibliothek der Stadt Kassel / Wikimedia Commons, CC BY-SA 4.0.
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