Im Pforzheimer Stadtteil Dillweißenstein steht ein außergewöhnliches Eisenbahnmuseum: Der historische Bahnhof Weißenstein von 1874 wurde von den Eisenbahnfreunden Pforzheim e.V. aufwendig restauriert und dient heute gleichzeitig als Museum, Vereinsheim und Heimat mehrerer Modellbahnanlagen.
Schon das Gebäude selbst ist das wichtigste Ausstellungsstück. Im Inneren erinnern historische Diensträume, Eisenbahntechnik und zahlreiche Originalgegenstände an die Zeit der Königlich Württembergischen Staats-Eisenbahnen und an den früheren Betrieb auf der Nagoldtalbahn.
Historischer Bahnhof von 1874
Der Bahnhof Weißenstein wurde am 1. Juni 1874 zusammen mit dem Abschnitt der Nagoldtalbahn zwischen Pforzheim und Calw eröffnet.
Eine Besonderheit war die damalige politische Situation: Die Strecke wurde von den Königlich Württembergischen Staats-Eisenbahnen gebaut, obwohl Weißenstein auf badischem Gebiet lag. Dadurch besitzt der Bahnhof auch eisenbahngeschichtlich eine ungewöhnliche Stellung.
Das zweistöckige Empfangsgebäude stammt noch aus der Eröffnungszeit. Der untere Gebäudeteil besteht aus rötlichem Sandstein, darüber befindet sich das charakteristische gelbliche Obergeschoss mit grünen Fensterläden.
Erweiterung des Bahnhofs vor dem Ersten Weltkrieg
Mit zunehmendem Verkehr wurde der Bahnhof erweitert. Zwischen 1911 und 1914 entstanden zusätzliche Bereiche rund um den markanten Erker. Außerdem erhielt der Bahnhof eine Unterführung zum damaligen Mittelbahnsteig und eine Verbindung zur Güterhalle.
Damit entwickelte sich Weißenstein zu einer typischen kleineren Station mit Personen-, Gepäck- und Güterverkehr.
Bäderzüge durch das Nagoldtal
Die Nagoldtalbahn war nicht ausschließlich für den regionalen Verkehr wichtig. Bis in die 1960er-Jahre hielten in Weißenstein zeitweise sogar sogenannte Bäderzüge.
Diese Züge brachten Reisende unter anderem aus Norddeutschland und dem Ruhrgebiet über Frankfurt, Karlsruhe und Pforzheim in Kur- und Erholungsorte des Schwarzwalds.
Damit erlebte der vergleichsweise kleine Bahnhof zeitweise auch internationalen beziehungsweise überregionalen Reiseverkehr.
Niedergang und Aufgabe des Personenverkehrs
Wie bei vielen kleineren Bahnhöfen verlor Weißenstein in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts zunehmend an Bedeutung.
1972 wurden elektrische Signale und Weichen eingebaut. Bereits 1980 endete jedoch der damalige Personenverkehr am Bahnhof.
1984 wurde die örtliche Betriebsführung aufgegeben und nach Pforzheim-Brötzingen verlagert. Viele eisenbahntechnische Anlagen wurden anschließend entfernt.
Vom verfallenden Bahnhof zum Eisenbahnmuseum
Nach dem Ende des Personenverkehrs verschlechterte sich der Zustand des historischen Gebäudes erheblich. Vandalismus setzte dem Bahnhof zu, zusätzlich verursachte ein Brand im Jahr 1982 schwere Schäden.
Eine entscheidende Wende kam 1988. Die Eisenbahnfreunde Pforzheim übernahmen das denkmalgeschützte Gebäude und begannen mit einer umfangreichen Restaurierung.
Die Arbeiten dauerten viele Jahre. Unter Berücksichtigung des Denkmalschutzes wurde versucht, das historische Erscheinungsbild möglichst originalgetreu wiederherzustellen.
1998 konnte der restaurierte Bahnhof offiziell eingeweiht werden. Im Jahr 2000 kam außerdem die ehemalige Güterhalle hinzu.
Museum im Bahnhof Weißenstein
Heute befindet sich im Erdgeschoss ein kleines Eisenbahnmuseum. Die Ausstellung beschäftigt sich mit der Geschichte des Bahnhofs Weißenstein, der Nagoldtalbahn und der Eisenbahn im Raum Pforzheim.
Besonders interessant ist, dass viele Exponate genau dort gezeigt werden, wo sie früher im Eisenbahnbetrieb tatsächlich benötigt wurden.
Historischer Fahrkartenschalter
Zu den erhaltenen beziehungsweise rekonstruierten Bereichen gehört der historische Schalterbereich. Fahrkartenverkauf, Gepäckabfertigung und die Arbeit des Bahnhofspersonals gehörten früher zum Alltag einer solchen Station.
Historische Möbel, Schilder und weitere Gegenstände vermitteln einen Eindruck davon, wie ein kleiner Bahnhof vor vielen Jahrzehnten funktionierte.
Signal- und Stellwerkstechnik
Ein weiterer Schwerpunkt liegt auf der Sicherungstechnik der Eisenbahn. Im Museum werden Signal-, Stellwerks- und Kommunikationseinrichtungen aus verschiedenen Epochen gezeigt.
Für technisch interessierte Besucher wird dadurch sichtbar, wie Weichen und Signale früher gestellt und Zugfahrten abgesichert wurden.
Große H0-Anlage zeigt Weißenstein um 1920
Im Obergeschoss befindet sich eine besonders interessante H0-Modellbahnanlage. Sie besitzt ein konkretes historisches Vorbild und zeigt die Eisenbahnanlagen rund um Weißenstein und Brötzingen ungefähr im Zustand des Jahres 1920.
Damit lässt sich direkt vergleichen, wie umfangreich die Gleisanlagen früher waren und wie stark sich der Bahnhof im Laufe der Zeit verändert hat.
Auch das frühere Gleisdreieck im Bereich Brötzingen wurde im Modell berücksichtigt.
Eigene Steuerung der Modellbahn
Die große H0-Anlage wird nicht lediglich mit einer einfachen klassischen Modellbahnsteuerung betrieben. Vereinsmitglieder entwickelten eine eigene computerunterstützte Fahrstraßenschaltung.
Damit können Fahrwege festgelegt und unterschiedliche Zugbewegungen koordiniert werden. Gerade bei einer Modellbahn mit konkretem historischem Vorbild steht damit auch der vorbildgerechte Betrieb im Mittelpunkt.
Modellbahnen in Spur 0 und Spur 1
Die Eisenbahnfreunde beschäftigen sich mit mehreren Modellbahn-Spurweiten. Neben der großen H0-Anlage existieren beziehungsweise entstanden Anlagen in Spur 0 und Spur 1.
Bei der Spur-0-Anlage stammen zahlreiche Teile aus Eigenbau. Die wesentlich größere Spur 1 benötigt entsprechend mehr Platz und ist im Bereich der ehemaligen Güterhalle untergebracht.
Bei den großen Eisenbahntagen werden neben den vereinseigenen Anlagen häufig auch Gastanlagen gezeigt.
Der Bahnhof ist selbst das wichtigste Exponat
Was Weißenstein von vielen klassischen Eisenbahnmuseen unterscheidet, ist das Gebäude selbst. Die Ausstellung wurde nicht in einer modernen Halle aufgebaut, sondern befindet sich in einem echten Bahnhof aus dem 19. Jahrhundert.
Schalterhalle, Diensträume, Güterhalle und weitere Bereiche gehören deshalb genauso zum Museum wie die einzelnen ausgestellten Gegenstände.
Züge halten wieder in Weißenstein
Eine interessante Wendung gab es im Dezember 2008. Nach fast drei Jahrzehnten ohne Personenhalt wurde Pforzheim-Weißenstein wieder als regulärer Haltepunkt in Betrieb genommen.
Der heutige Bahnsteig befindet sich etwas versetzt hinter dem historischen Bahnhofsgebäude. Damit stehen Museum und moderner Eisenbahnbetrieb heute unmittelbar nebeneinander.
Regionalzüge der Nagoldtalbahn halten wieder regelmäßig in Weißenstein. Eine Anreise zum Eisenbahnmuseum mit der Bahn ist dadurch besonders passend.
Eisenbahntage rund um den 6. Januar
Zu den größten Veranstaltungen gehören traditionell die Eisenbahntage rund um den Dreikönigstag Anfang Januar.
Dann werden zahlreiche Räume des Bahnhofs geöffnet. Neben dem Eisenbahnmuseum laufen die vereinseigenen Modellbahnanlagen, zusätzlich sind häufig Gastanlagen zu sehen.
Die Eisenbahntage werden bereits seit den 1990er-Jahren veranstaltet und gehören zu den festen Terminen des Vereins.
Bahnhofsfest an Christi Himmelfahrt
Ein zweiter großer Termin ist das Bahnhofsfest an Christi Himmelfahrt. Rund um das historische Bahnhofsgebäude entsteht dann ein großer Biergarten.
Je nach Veranstaltungsjahr gibt es zusätzlich Aktionen rund um Eisenbahn und Modellbahn. Dadurch eignet sich der Termin besonders gut für einen Familienausflug.
Großer Büchermarkt im Bahnhof
Eine weitere Besonderheit ist der große Büchermarkt, der traditionell rund um den ersten Sonntag im November stattfindet.
2026 werden mehr als 25.000 Bücher angeboten. Der Erlös kommt vollständig dem Erhalt und Ausbau des denkmalgeschützten Bahnhofs zugute.
Am Sonntag während des Büchermarkts wird außerdem die historische H0-Modellbahnanlage des Vereins betrieben.
Öffnungszeiten 2026
Das Museum ist grundsätzlich am ersten Sonntag eines Monats von 10 bis 17 Uhr geöffnet. Der Eintritt ist frei.
Für den verbleibenden Teil des Jahres 2026 sind aktuell insbesondere folgende Termine interessant:
- 4. Oktober 2026: Museum geöffnet, 10 bis 17 Uhr
- 31. Oktober bis 2. November 2026: Büchermarkt im Bahnhof Weißenstein
- 1. November 2026: Büchermarkt und H0-Modellbahnbetrieb
- 6. Dezember 2026: Museum geöffnet, 10 bis 17 Uhr
Vor einer längeren Anreise empfiehlt sich trotzdem ein Blick auf die aktuellen Informationen des Vereins, da Sonderveranstaltungen und Öffnungstage abweichen können.
Eintritt frei
Der reguläre Museumsbesuch ist kostenlos. Der Verein freut sich über Unterstützung für die Erhaltung des historischen Gebäudes und den weiteren Ausbau der Sammlung.
Anreise mit der Nagoldtalbahn
Die Anreise mit der Eisenbahn passt bei diesem Museum besonders gut. Der heutige Haltepunkt Pforzheim-Weißenstein liegt direkt hinter dem historischen Empfangsgebäude.
Von Pforzheim Hauptbahnhof fahren Regionalzüge über Brötzingen nach Weißenstein und weiter durch das Nagoldtal in Richtung Calw, Nagold und Horb.
Alternativ besteht aus Pforzheim eine Busverbindung in den Stadtteil Dillweißenstein. Öffentliche Parkplätze befinden sich ebenfalls im Umfeld des Bahnhofs.
Adresse
Museum im Bahnhof Weißenstein Eisenbahnfreunde Pforzheim e.V. Belremstraße 70 75180 Pforzheim
Lohnt sich ein Besuch?
Das Museum im Bahnhof Weißenstein ist gerade für Eisenbahnfreunde interessant, die historische Bahnhöfe und regionale Eisenbahngeschichte mögen. Das restaurierte Gebäude vermittelt wesentlich mehr Atmosphäre als eine Ausstellung in einer modernen Museumshalle.
Modellbahner bekommen mit der H0-Nachbildung der historischen Bahnanlagen um Weißenstein und Brötzingen zusätzlich einen direkten Vergleich zwischen Vorbild und Modell.
Für einen ersten Besuch eignen sich besonders die Eisenbahntage im Januar oder ein normaler Museums-Sonntag. Wer ohnehin auf der Nagoldtalbahn unterwegs ist, kann den Museumsbesuch außerdem direkt mit einer Bahnfahrt durch das Nagoldtal verbinden.
Fotonachweis
Historischer Bahnhof Weißenstein in Pforzheim, heute Museum und Vereinsheim der Eisenbahnfreunde Pforzheim. Foto: qwesy qwesy, Wikimedia Commons, CC BY 3.0.
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