Zuletzt aktualisiert am 22.09.2026
Das Lehrstellwerk Kornwestheim ist ein ungewöhnliches Stück Eisenbahngeschichte mitten in der Stadt. Hier stehen keine Lokomotiven im Mittelpunkt. Stattdessen geht es um die Technik, mit der früher Zugfahrten gesichert, Weichen gestellt und Signale bedient wurden.
Das Besondere daran: Viele der historischen Stellwerksanlagen sind weiterhin funktionsfähig. Bei Vorführungen kann man nachvollziehen, was ein Fahrdienstleiter früher alles beachten musste, bevor ein Zug überhaupt losfahren durfte.
Seit 1934 Ausbildungsstätte der Eisenbahn
Das Lehrstellwerk wurde 1934 von der Deutschen Reichsbahn gebaut. Es gehörte zur damaligen Eisenbahnausbildung in Kornwestheim und sollte das theoretische Wissen aus dem Unterricht durch praktische Übungen ergänzen.
Angehende Eisenbahner konnten hier den Umgang mit Weichen, Signalen, Fahrstraßen und Streckenblock üben, ohne dabei in den echten Bahnbetrieb einzugreifen.
Dafür entstand im Gebäude eine komplette kleine Eisenbahnwelt. Mehrere Stellwerke stellen fiktive Bahnhöfe und Betriebsstellen dar und sind miteinander verbunden. Zugfahrten lassen sich dadurch über mehrere Stellwerksbereiche hinweg simulieren.
Stellwerkstechnik aus verschiedenen Generationen
1962 wurde die Anlage von der Deutschen Bundesbahn erweitert und an die damalige technische Entwicklung angepasst.
Dadurch stehen heute unterschiedliche Generationen der Sicherungstechnik direkt nebeneinander. Zu sehen sind mechanische Stellwerke mit großen Hebelbänken, elektromechanische Anlagen und spätere Drucktasten- und Relaisstellwerke.
Vertreten sind unter anderem Bauformen von Siemens & Halske, Jüdel und Bruchsal. Auch Anlagen der Bauformen Dr S2 und Sp Dr S60 gehören zur Sammlung.
Gerade dieser direkte Vergleich macht das Lehrstellwerk interessant. An einem Ende werden Weichen noch mit großen Hebeln gestellt, wenige Meter weiter erfolgt die Bedienung bereits über Tasten und Stellpulte.
Wie funktioniert eigentlich ein Stellwerk?
Bei einer Vorführung wird schnell deutlich, warum Stellwerke für einen sicheren Eisenbahnbetrieb so wichtig sind.
Bevor ein Signal auf Fahrt gestellt werden kann, müssen die benötigten Weichen richtig liegen und gegen unbeabsichtigtes Umstellen gesichert sein. Erst wenn alle Bedingungen erfüllt sind, lässt die Technik eine Fahrstraße und anschließend die Fahrtstellung des Signals zu.
Bei den mechanischen Stellwerken geschieht vieles sichtbar über Hebel, Drahtzüge und Verschlüsse. Auch der Felderblock mit seiner typischen Induktorkurbel lässt sich im Lehrstellwerk praktisch erleben.
Damit eignet sich der Besuch gut für Eisenbahnfreunde, die Stellwerkstechnik bisher nur von außen gesehen haben.
Signale und Weichen auf dem Außengelände
Zur Anlage gehört ein kleiner Lehrbahnhof im Freien. Dort stehen verschiedene historische Signale und Weichen, die mit den Stellwerken im Gebäude verbunden sind.
Wird im Inneren eine Fahrstraße eingestellt, lassen sich die Auswirkungen draußen direkt beobachten. Formsignale wechseln ihre Stellung und Weichen reagieren auf die Bedienung im Stellwerk.
Dadurch bleibt die Technik nicht abstrakt. Man kann genau verfolgen, was eine Handlung am Stellhebel draußen an der Strecke bewirkt.
Fast wäre das Lehrstellwerk verschwunden
In den 1990er-Jahren wurde die Ausbildungsanlage von der Bahn nicht mehr benötigt und stillgelegt. Zeitweise stand sogar der Abriss des Gebäudes im Raum.
Die historische Bedeutung der Anlage wurde jedoch erkannt und das Lehrstellwerk unter Denkmalschutz gestellt. Seit 2005 kümmert sich der Förderverein Lehrstellwerk Kornwestheim e. V. um den Erhalt und die betriebsfähige Aufarbeitung der historischen Technik.
2009 gingen Gebäude und Grundstück in den Besitz der Stadt Kornwestheim über.
Heute wird die Anlage sowohl museal als auch für Schulungszwecke genutzt. Damit erfüllt das Lehrstellwerk teilweise wieder genau die Aufgabe, für die es ursprünglich gebaut wurde.
Selbst einmal Fahrdienstleiter sein
Bei den Tagen der offenen Tür geht es nicht nur ums Anschauen. Unter Anleitung können Besucher Teile der historischen Anlagen selbst bedienen.
Wer noch tiefer einsteigen möchte, für den bietet der Förderverein gelegentlich sogar eine Ausbildung zum „Hobby-Fahrdienstleiter“ an. Dabei werden unter anderem Weichen, Signale, Zugmeldeverfahren sowie Zug- und Rangierfahrten behandelt.
Der nächste angekündigte Kurs findet vom 6. bis 9. Mai 2027 statt und erfordert eine vorherige Anmeldung.
Öffnungszeiten und Besuch
Das Lehrstellwerk besitzt keine regelmäßigen wöchentlichen Museumsöffnungszeiten. Für Besucher sind vor allem die öffentlichen Veranstaltungstage interessant.
Im September 2026 gibt es gleich mehrere Möglichkeiten für einen Besuch:
12. und 13. September 2026
Tag der offenen Tür
10:00 bis 17:00 Uhr
Vorführungen jeweils um 11:00 und 14:00 Uhr
19. September 2026
Tag der Schiene
09:00 bis 17:00 Uhr
Beim Tag der offenen Tür ist der Eintritt frei.
Weitere Termine werden vom Förderverein auf seiner Webseite veröffentlicht. Wer das Lehrstellwerk außerhalb einer Veranstaltung besuchen möchte, sollte vorher direkt beim Verein nachfragen.
Adresse
Lehrstellwerk Kornwestheim
Jahnstraße 27
70806 Kornwestheim
Das Lehrstellwerk ist besonders für Besucher interessant, die mehr über die Technik hinter dem Eisenbahnbetrieb erfahren möchten. Hebelbänke, Blockfelder und Stellpulte wirken zunächst kompliziert. Bei einer Vorführung wird jedoch schnell verständlich, wie all diese Einrichtungen zusammenarbeiten und warum ohne Stellwerk kein sicherer Zugverkehr möglich wäre.
Fotonachweis
Außenanlage des Lehrstellwerks Kornwestheim mit historischem Formsignal. Foto: Mussklprozz / Wikimedia Commons / CC BY-SA 4.0
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