Zuletzt aktualisiert am 22.09.2026
Wer wissen möchte, wie der Bahnhof Aalen und seine Umgebung in den 1960er-Jahren ausgesehen haben, findet bei den Eisenbahnfreunden Aalen e.V. eine außergewöhnliche Zeitreise. Im Maßstab H0 haben die Vereinsmitglieder große Teile des damaligen Bahnhofs, das Bahnbetriebswerk und zahlreiche Gebäude der Stadt nachgebaut. Direkt daneben befindet sich im historischen Güterbahnhof der Härtsfeldbahn ein kleines Museum zur regionalen Eisenbahngeschichte.
Der Standort könnte kaum besser passen. Das Vereinsheim in der Walkstraße befindet sich im ehemaligen Güterbahnhof der Härtsfeldbahn, die in Aalen und auf dem Härtsfeld meist nur „Schättere“ genannt wurde. Der Verein bezog das historische Gebäude im Mai 2004 und nutzt es heute für Museum, Vereinsarbeit und Veranstaltungen. Die große Modellbahnanlage steht in einer angebauten Ausstellungshalle.
Aalen im Jahr 1965 im Maßstab 1:87
Herzstück der Eisenbahnfreunde ist eine große H0-Anlage, deren Thema ungewöhnlich konkret gewählt wurde. Sie zeigt den Aalener Bahnhof und sein Umfeld ungefähr im Jahr 1965.
Der eigentliche Bahnhof erstreckt sich im Modell über knapp zwölf Meter. Zu sehen sind sieben Bahnsteiggleise, das frühere Bahnbetriebswerk sowie zahlreiche Gebäude, die früher das Stadtbild rund um die Eisenbahn prägten. Dazu gehören beispielsweise die Endstation der Härtsfeldbahn, die beiden früheren Gaskessel, das Union-Kino und die alte Marienkirche.
Auch Fahrzeuge und Straßenverkehr orientieren sich am dargestellten Zeitraum. Auf der Anlage sollen möglichst Züge verkehren, die in den 1960er-Jahren tatsächlich in Aalen hätten auftauchen können.
Gerade für Besucher, die Aalen noch aus dieser Zeit kennen, entsteht dadurch ein besonderer Effekt. Manche Gebäude sind längst verschwunden oder die Flächen wurden vollständig neu bebaut. Im Modell kann man das frühere Stadtbild noch einmal in Ruhe betrachten.
Der Bahnhof wurde nach Originalplänen gebaut
Die Genauigkeit kommt nicht von ungefähr.
Bereits 1991 begannen Vereinsmitglieder damit, das Aalener Bahnhofsgebäude anhand historischer Fotografien und Originalpläne im Maßstab 1:87 nachzubauen. Allein das Modell des Empfangsgebäudes besitzt eine Grundfläche von rund 77 × 15 Zentimetern.
Auch Bahnsteige und Gleisanlagen entstanden maßstäblich. Schon die erste Version umfasste ungefähr 50 Meter Gleis. Hinzu kam das ehemalige Stellwerk 1 südlich des dritten Bahnsteigs.
Der Bahnhof wurde anschließend immer weiter ergänzt und entwickelte sich schließlich zur heutigen Großanlage.
Dadurch unterscheidet sich das Projekt deutlich von vielen frei gestalteten Vereinsanlagen. Hier steht ein realer Eisenbahnstandort im Mittelpunkt. Landschaft, Gebäude und Gleise sollen ein bestimmtes Stück Aalener Stadt- und Eisenbahngeschichte wiedergeben.
Das Bahnbetriebswerk Aalen machte den Anfang
Die Idee, Eisenbahngeschichte im Modell zu bewahren, ist sogar älter als die heutige Anlage.
Kurz nach der Vereinsgründung entstand 1986 ein großes Diorama des ehemaligen Bahnbetriebswerks Aalen. Anlass war das Jubiläum „125 Jahre Remsbahn“. Innerhalb von nur rund 20 Wochen bauten die Mitglieder das frühere Bw im Maßstab H0 nach.
Das Diorama besitzt rund 65 Meter Gleis und 17 Weichen. Fahrzeuge der Epoche III, Eisenbahnerwohnungen, Kohlebansen und weitere Betriebsanlagen vermitteln einen Eindruck davon, wie ein Bahnbetriebswerk in der Dampflokzeit funktionierte.
Viele Jahre später wurde genau dieses Thema auf der großen Vereinsanlage wieder aufgegriffen.
Heute befindet sich auf dem Gelände des ehemaligen Bahnbetriebswerks das Aalener Stadtoval mit dem Kulturbahnhof KUBAA. Wer aktuelle Stadtansichten kennt, kann im Modell deshalb besonders gut nachvollziehen, wie grundlegend sich dieser Teil Aalens verändert hat.
Dampflokzeit rund um den Bahnhof
Der dargestellte Zeitraum um 1965 ist eisenbahngeschichtlich interessant.
Aalen war und ist ein wichtiger Eisenbahnknoten. Hier treffen die Strecke aus Stuttgart, die Riesbahn Richtung Nördlingen, die Brenzbahn Richtung Ulm und die Verbindung Richtung Crailsheim zusammen.
In den 1960er-Jahren gehörten Dampflokomotiven noch zum täglichen Bild. Güterzüge, Reisezüge und Rangierfahrten sorgten für deutlich mehr sichtbaren Bahnbetrieb rund um Bahnhof und Bw als heute.
Auf der Modellanlage lässt sich deshalb viel Betrieb darstellen. Lokomotiven müssen umgesetzt, Wagen rangiert und unterschiedliche Zugarten durch den Bahnhof geführt werden.
Nach Presseberichten können auf der Anlage wechselweise etwa 50 bis 60 verschiedene Züge eingesetzt werden. Die Gesamtanlage misst ungefähr 15 × 6,5 Meter.
Digitalisierung einer klassischen Vereinsanlage
Die große H0-Anlage entstand zu einer Zeit, als Digitalsteuerung noch keine Selbstverständlichkeit war.
Inzwischen wird sie schrittweise modernisiert. Bereits 2023 wurde die Anlage als größtenteils digitalisiert beschrieben. Vereinsmitglieder arbeiten weiter an Steuerung, Elektronik und Digitalisierung. Genau dieser Bereich gehört auch ausdrücklich zu den möglichen Tätigkeitsfeldern im Verein.
Damit verbindet die Anlage klassischen Modellbau mit moderner Technik.
Für Modellbahner ist das durchaus interessant. Eine bestehende große Vereinsanlage nachträglich zu digitalisieren ist erheblich aufwendiger als der Neubau einer kleinen Heimanlage. Rückmeldung, Blocksteuerung, Weichen, Signale und Stromversorgung müssen aufeinander abgestimmt werden.
Im echten Güterbahnhof der Schättere
Ein zweites Highlight befindet sich direkt nebenan.
Das Vereinsheim ist ein erhaltener Güterbahnhof der ehemaligen Härtsfeldbahn. Die meterspurige Bahn führte einst von Aalen über Neresheim bis Dillingen an der Donau. Der reguläre Betrieb begann 1901. In der Region war die Bahn unter dem Spitznamen Schättere bekannt.
Der Güterbahnhof lag rund 800 Meter vom damaligen Personenbahnhof der Härtsfeldbahn entfernt. In diesem Bereich wurden Güter zwischen normalspurigen Wagen und der Schmalspurbahn umgeschlagen.
Das macht das heutige Vereinsheim selbst zu einem Exponat.
Man besucht hier also nicht nur eine Modellbahnausstellung in irgendeiner Halle. Ein Teil der Vereinsarbeit findet tatsächlich in einem Gebäude statt, das früher zur dargestellten regionalen Eisenbahngeschichte gehörte.
Normalspurwagen auf Rollböcken
Besonders spannend war der Güterverkehr der Härtsfeldbahn.
Ursprünglich mussten Güter im Aalener Güterbahnhof von Normalspurwagen auf schmalspurige Güterwagen umgeladen werden. Anfang der 1950er-Jahre änderte sich das. Nach der Umstellung der Bremsanlagen konnten Normalspur-Güterwagen auf sogenannte Rollböcke gesetzt und auf den Meterspurgleisen weitertransportiert werden. Dafür entstand auch in Aalen eine Rollbockgrube.
Bei diesem Verfahren bekam jede Achse des Normalspurwagens einen kleinen schmalspurigen Rollbock untergesetzt.
So konnte ein großer normalspuriger Güterwagen über die schmale Härtsfeldbahn transportiert werden, ohne dass seine Ladung vorher umgeladen werden musste.
Für Modellbahner ist das ein besonders spannendes Vorbild. Rollbockverkehr verbindet zwei Spurweiten und ermöglicht außergewöhnliche Rangierabläufe.
Kleines Eisenbahnmuseum im Bahnhofsgebäude
Im ehemaligen Güterbahnhof haben die Eisenbahnfreunde ein Museum eingerichtet.
Gezeigt werden Originalteile, Dokumente und Erinnerungsstücke aus der Eisenbahngeschichte Aalens und der Härtsfeldbahn. Zum Bestand gehören unter anderem historische Ausrüstungsgegenstände, Eisenbahneruniformen, Modelle und Dokumente.
Zum 40-jährigen Vereinsjubiläum 2025 wurde die Ausstellung noch erweitert. Unter anderem kamen historische Baupläne des Aalener Bahnhofs und weitere Exponate hinzu. Auch ein Modell der Schättere entsteht mithilfe moderner 3D-Drucktechnik.
Damit verbindet der Verein mehrere Generationen Eisenbahntechnik. Historische Originalteile stehen wenige Meter von einer digitalisierten H0-Anlage entfernt, während neue Modelle teilweise mit dem 3D-Drucker entstehen.
Eisenbahnfreunde Aalen seit 1985
Gegründet wurde der Verein am 7. Mai 1985 von 18 Eisenbahnfreunden. Damals lautete der Name noch „Modelleisenbahnfreunde Aalen“.
Schon früh wurde deutlich, dass sich die Mitglieder nicht ausschließlich mit Modellbahnen beschäftigen wollten. Lokale Eisenbahngeschichte, Vorbildbahn und historische Dokumentation wurden zunehmend wichtiger.
1991 erfolgte deshalb die Umbenennung in Eisenbahnfreunde Aalen. Seit Ende 1993 ist der Verein als eingetragener Verein organisiert.
Diese Ausrichtung passt bis heute gut zum Standort.
Im Maßstab 1:87 wird die historische Eisenbahnwelt Aalens nachgebaut, während im ehemaligen Güterbahnhof Originalstücke aus derselben Geschichte gesammelt werden.
Jugend und Nachwuchs
Auch eine Jugendgruppe gehört zum Verein.
Junge Modellbahner können dabei nicht nur Züge fahren lassen. Der Verein nennt Landschaftsbau, Elektronik, Digitalisierung, Fahrzeugpflege und Museumsarbeit als mögliche Tätigkeitsbereiche.
Gerade das dürfte langfristig wichtig sein. Viele Eisenbahn- und Modellbahnvereine stehen vor der Herausforderung, jüngere Mitglieder für das Hobby zu gewinnen.
Eine große Anlage mit lokalem Bezug bietet dafür viele Einstiegsmöglichkeiten. Wer wenig mit klassischen Modellbautechniken anfangen kann, interessiert sich vielleicht für Elektronik, Digitalsteuerung oder 3D-Druck.
Wann kann man die Anlage besuchen?
Die Anlage ist kein täglich geöffnetes Modellbahnmuseum.
Die besten Gelegenheiten sind die öffentlichen Veranstaltungen und Tage der offenen Tür. Für 2026 steht beispielsweise noch ein Tag der offenen Tür am Sonntag, 6. Dezember 2026 von 11 bis 17 Uhr im offiziellen Jahresprogramm. Dabei ist die Modellbahnanlage in Betrieb, das Museum geöffnet und der Eintritt frei. Mittagessen sowie Kaffee und Kuchen werden ebenfalls angeboten.
Bereits vorher veranstaltet der Verein am 15. November 2026 seine Modelleisenbahn-Herbstbörse in der Ulrich-Pfeifle-Halle. Dort werden Modelleisenbahnen verschiedener Spurweiten, Zubehör, Modellautos und Eisenbahnliteratur angeboten.
Vor einer längeren Anfahrt würde ich immer den aktuellen Terminkalender des Vereins prüfen.
Adresse
Das Vereinsheim befindet sich in:
Eisenbahnfreunde Aalen e.V.
Walkstraße 22
73431 Aalen
Der Zugang erfolgt von der Walkstraße in den Hof beim ehemaligen Güterbahnhof der Härtsfeldbahn. Parkmöglichkeiten gibt es nach Angaben des Vereins vor der Halle und in der Umgebung des Bahnhofsgebäudes.
Lohnt sich ein Besuch?
Für Modellbahnfreunde ist die Anlage schon durch ihr Thema interessant.
Statt einer Fantasielandschaft wird ein realer deutscher Eisenbahnknoten zu einem ganz konkreten Zeitpunkt dargestellt. Bahnhof, Bahnbetriebswerk, Härtsfeldbahn und Gebäude der Stadt ergeben gemeinsam ein Bild von Aalen, wie es Mitte der 1960er-Jahre ausgesehen hat.
Für Freunde der großen Eisenbahn kommt das Museum hinzu. Und mit dem ehemaligen Güterbahnhof der Schättere steht sogar das Vereinsheim selbst unmittelbar mit der lokalen Eisenbahngeschichte in Verbindung.
Gerade diese Kombination macht den Ort für Gleismomente besonders passend. Hier treffen Modell, Vorbild und Nostalgie praktisch in einem einzigen Vereinsheim aufeinander.
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