Besondere Lokomotiven

V 188: Die außergewöhnliche Doppellok der Bundesbahn

Es gibt Lokomotiven, bei denen man schon beim ersten Foto genauer hinschaut. Die V 188 gehört für mich ganz klar dazu. Zwei fest miteinander verbundene Lokhälften, acht angetriebene Achsen und eine Entstehungsgeschichte, die mit normalen Bundesbahn-Lokomotiven nur wenig gemeinsam hat.

Gebaut wurde die spätere V 188 ursprünglich während des Zweiten Weltkriegs. Zwei der Maschinen schafften nach dem Krieg jedoch den Sprung in den regulären Bestand der Deutschen Bundesbahn und waren dort noch bis Anfang der 1970er-Jahre im Einsatz.

Heute ist leider keine dieser gewaltigen Doppellokomotiven mehr erhalten. Dabei wäre die V 188 heute mit Sicherheit eines der auffälligsten Fahrzeuge in jedem Eisenbahnmuseum.

Von der D 311 zur V 188

Die Geschichte der V 188 beginnt nicht bei der Deutschen Bundesbahn, sondern bereits vor dem Zweiten Weltkrieg. Krupp und Siemens-Schuckert entwickelten eine schwere dieselelektrische Doppellokomotive, die für militärische Aufgaben vorgesehen war.

Die Lokomotiven erhielten zunächst die Bezeichnung D 311. Insgesamt entstanden vier Doppellokomotiven, also acht einzelne Fahrzeughälften. Jede Doppellok bestand aus einem a- und einem b-Teil.

Ihr ursprünglicher Einsatzzweck war außergewöhnlich. Die Maschinen waren für den Betrieb mit den schweren Eisenbahngeschützen „Gustav“ beziehungsweise „Dora“ vorgesehen. Neben der eigentlichen Zugleistung spielte dabei auch die elektrische Energieversorgung eine Rolle.

Deshalb besaßen die D 311 eine dieselelektrische Kraftübertragung. Die Dieselmotoren trieben Generatoren an, der eigentliche Antrieb der Achsen erfolgte über elektrische Fahrmotoren.

Wie eine dieselelektrische Lok grundsätzlich funktioniert und worin sie sich von einer dieselhydraulischen Lok unterscheidet, erkläre ich auch im Bereich Eisenbahn-Technik einfach erklärt.

Eine Lok aus zwei Hälften

Schon das Fahrwerk zeigt, dass die D 311 keine gewöhnliche Diesellokomotive war. Die Achsfolge lautet Do+Do.

Jede Hälfte besaß vier angetriebene Achsen. Insgesamt standen damit acht angetriebene Achsen zur Verfügung. Jede Achse hatte ihren eigenen Fahrmotor.

Die komplette Doppellokomotive war rund 22,5 Meter lang und brachte etwa 147 Tonnen auf die Waage. Die Höchstgeschwindigkeit lag bei lediglich 75 km/h.

Hohe Geschwindigkeit war allerdings auch gar nicht das Ziel. Die Lok sollte schwere Lasten bewegen und möglichst viel Zugkraft auf die Schiene bringen.

Zwei Maschinen kommen zur Bundesbahn

Nach dem Krieg waren noch Teile mehrerer D-311-Lokomotiven vorhanden. Für die neu gegründete Deutsche Bundesbahn waren vor allem zwei Maschinen interessant.

  • Aus der D 311.03 entstand die spätere V 188 001 a/b.
  • Aus der D 311.04 wurde die V 188 002 a/b.

Andere vorhandene Fahrzeugteile wurden unter anderem als Ersatzteilspender genutzt. Die beiden wiederaufgebauten Lokomotiven kamen schließlich regulär in den Bestand der Bundesbahn.

Damit hatte die junge Bundesbahn zwei Fahrzeuge übernommen, die eigentlich überhaupt nicht für den normalen Eisenbahnbetrieb entwickelt worden waren.

Die V 188 im Güterzugdienst

Bei der Bundesbahn fanden die beiden Doppellokomotiven vor allem im schweren Güterverkehr eine neue Aufgabe.

Bekannt wurden ihre Einsätze unter anderem auf der Spessartrampe zwischen Laufach und Heigenbrücken. Auf der steigungsreichen Strecke mussten schwere Güterzüge zusätzlich unterstützt werden.

Genau dort konnte die V 188 ihre Stärken ausspielen. Mit acht angetriebenen Achsen und ihrer hohen Reibungsmasse eignete sie sich gut für schwere Zug- und Schiebeleistungen.

Das Prinzip der zusätzlichen Lok am Zugende gibt es bis heute. Mehr darüber findest du im Artikel Eisenbahn-Technik einfach erklärt im Abschnitt zur Schiebelokomotive.

Später waren die beiden Maschinen vor allem im fränkischen Raum unterwegs. Orte wie Aschaffenburg, Gemünden, Schweinfurt und Bamberg tauchen deshalb immer wieder auf historischen Aufnahmen der V 188 auf.

Neue Motoren für die beiden Doppelloks

Die ursprünglichen MAN-Motoren machten mit zunehmendem Alter Probleme. Dazu kam die schwierige Ersatzteilversorgung für eine Baureihe, von der bei der Bundesbahn gerade einmal zwei Maschinen existierten.

Trotzdem entschied sich die Bundesbahn dafür, die V 188 noch einmal grundlegend zu modernisieren.

In den 1950er-Jahren erhielten beide Lokomotiven neue Maybach-Dieselmotoren. Dadurch stieg die installierte Leistung deutlich an. Die Maschinen konnten anschließend noch viele Jahre im Güterverkehr eingesetzt werden.

Gerade dieser Umbau zeigt, dass die beiden Exoten für die Bundesbahn durchaus einen praktischen Nutzen hatten. Für zwei vollkommen unbrauchbare Sonderlinge hätte man einen solchen Aufwand vermutlich kaum betrieben.

Aus V 188 wird Baureihe 288

1968 führte die Deutsche Bundesbahn ihre neuen computergerechten Fahrzeugnummern ein. Viele bekannte Baureihen erhielten dadurch neue Bezeichnungen.

Aus der V 188 wurde jetzt die Baureihe 288.

Die beiden Lokomotiven liefen fortan als 288 001 und 288 002. Auch die einzelnen Lokhälften wurden weiterhin mit a und b unterschieden.

Ähnliche Umzeichnungen gab es damals bei zahlreichen Bundesbahn-Lokomotiven. Aus der E 41 wurde beispielsweise die Baureihe 141. Mehr über diese Lok findest du im Artikel 70 Jahre E41 001: Geschichte des legendären Knallfroschs.

Das Ende der 288 001

Für die erste Maschine kam das Ende Ende der 1960er-Jahre.

Die spätere 288 001 erlitt einen schweren Generatorschaden. Bei einer inzwischen fast 30 Jahre alten Sonderkonstruktion war eine aufwendige Reparatur wirtschaftlich kaum noch sinnvoll.

1969 wurde die Lok ausgemustert. Damit blieb zunächst nur noch die 288 002 übrig.

288 002 fährt noch bis 1972

Die zweite Doppellokomotive hielt einige Jahre länger durch. Historische Aufnahmen zeigen die 288 002 noch Ende der 1960er- und Anfang der 1970er-Jahre im regulären Bundesbahneinsatz.

Besonders eng ist ihre spätere Geschichte mit Bamberg verbunden. Dort war die Maschine zuletzt beheimatet.

1972 endete schließlich auch ihr Einsatz. Die 288 002 wurde ausgemustert und anschließend zur Verschrottung verkauft.

Ist eine V 188 erhalten geblieben?

Leider nicht.

Keine der beiden Bundesbahn-Maschinen ist erhalten geblieben. Auch von den anderen ursprünglichen D-311-Lokomotiven existiert heute keine vollständige Maschine mehr.

Besonders eindrucksvoll sind Fotos der 288 002 aus dem Jahr 1973. Sie zeigen die Lok bereits auf dem Gelände eines Schrotthändlers in Feldkirchen bei München.

Auf einigen Aufnahmen sind noch größere Teile der Lok vorhanden, auf späteren Bildern nur noch einzelne Führerstände und Fahrzeugreste. Damit verschwand eine der ungewöhnlichsten Diesellokomotivkonstruktionen der Bundesbahn endgültig.

Gerade wenn man heute durch ein Eisenbahnmuseum läuft, fragt man sich bei solchen Fahrzeugen zwangsläufig, warum damals nicht wenigstens ein Exemplar erhalten wurde. In den frühen 1970er-Jahren war der Gedanke, ausgemusterte Bundesbahnfahrzeuge systematisch für Museen zu sichern, allerdings noch längst nicht so verbreitet wie heute.

Erhaltene historische Lokomotiven und viele weitere Eisenbahnziele findest du auf unserer Eisenbahn-Erlebniskarte.

Technische Daten der V 188

Ursprüngliche BaureiheD 311
Bundesbahn-BezeichnungV 188
Bezeichnung ab 1968Baureihe 288
HerstellerKrupp / Siemens-Schuckert
Baujahr1941
AchsfolgeDo+Do
Länge über Puffer22.510 mm
Dienstmasseca. 147 t
Höchstgeschwindigkeit75 km/h
Kraftübertragungdieselelektrisch
Fahrmotoren8
Leistung ursprünglich2 × 691 kW
Leistung nach Umbau2 × 808 kW
DB-Maschinen2
Ausmusterung1969 / 1972

Warum die V 188 bis heute so interessant ist

Die V 188 passt eigentlich in keine typische Schublade der Bundesbahnzeit. Sie war weder eine klassische Serien-Diesellokomotive noch eine normale Entwicklung für den Güterverkehr.

Ihre Geschichte begann als militärische Speziallokomotive. Nach dem Krieg wurde daraus eine schwere Güterzuglok, die noch mehr als zwei Jahrzehnte bei der Bundesbahn eingesetzt wurde.

Dazu kommt die ungewöhnliche Technik. Zwei Lokhälften, acht Fahrmotoren und dieselelektrische Kraftübertragung machten sie schon damals zu einem Exoten.

Wer sich für ungewöhnliche Lokomotiven interessiert, findet bei Gleismomente außerdem weitere Fahrzeuggeschichten. Einen Überblick über bereits dokumentierte Fahrzeuge gibt es im Lokporträt-Archiv.

Spannend ist auch der Vergleich mit völlig anderen Bundesbahn-Fahrzeugen. Die kleinen Köf-Lokomotiven standen fast am anderen Ende des Leistungsspektrums und waren trotzdem über Jahrzehnte genauso typisch für den Bahnbetrieb.

Die V 188 auf der Modelleisenbahn

Auch auf der Modelleisenbahn ist die V 188 ein Fahrzeug, das sofort auffällt. Allein durch ihre Länge und die zwei fest verbundenen Lokhälften unterscheidet sie sich deutlich von fast jeder anderen Diesellokomotive.

Besonders gut passt sie zu einer Anlage der Epoche III oder der frühen Epoche IV. Wer eine Bundesbahn-Anlage aus den 1950er- oder 1960er-Jahren baut, kann die Lok als V 188 einsetzen. Für die Zeit ab 1968 passt die Bezeichnung Baureihe 288.

Vor längeren Güterzügen dürfte die Maschine auch im Modell ihre Wirkung kaum verfehlen.

Ein Lok-Exot, von dem leider nichts geblieben ist

Von vielen bekannten Bundesbahn-Baureihen sind heute wenigstens einzelne Exemplare erhalten. Bei der V 188 sieht es anders aus.

Beide Bundesbahn-Maschinen wurden verschrottet. Wer die V 188 heute erleben möchte, ist deshalb auf historische Fotos, Filme und Modelle angewiesen.

Ihre Geschichte ist trotzdem ein gutes Beispiel dafür, wie vielseitig der Fahrzeugpark der frühen Bundesbahn war. Selbst eine für einen völlig anderen Zweck entwickelte Doppellokomotive konnte nach dem Krieg noch mehr als zwanzig Jahre im regulären Eisenbahnbetrieb verbringen.


Quellen und weiterführende Informationen

Für die historischen Daten, technischen Angaben und den Verbleib der Lokomotiven wurden unter anderem folgende Quellen verwendet:

Bildnachweise

  • V 188 001 im AW Nürnberg, 1967. Foto: Mef.ellingen / Wikimedia Commons, CC BY 3.0

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