Die Geislinger Steige gehört zu den bekanntesten Eisenbahnstrecken Baden-Württembergs. Zwischen Geislingen an der Steige und Amstetten erklimmen die Züge auf wenigen Kilometern die Schwäbische Alb. Mit einer maximalen Steigung von 22,5 Promille war die Strecke bei ihrer Eröffnung im Jahr 1850 eine außergewöhnliche technische Leistung.
Noch heute verkehren täglich Regional- und Güterzüge über die historische Strecke. Für Eisenbahnfreunde ist die Geislinger Steige deshalb gleichzeitig technisches Denkmal, Fotostelle und eine der interessantesten Hauptbahnstrecken im Südwesten Deutschlands.
Steilstrecke zwischen Geislingen und Amstetten
Der bekannteste Abschnitt beginnt am Bahnhof Geislingen (Steige) und führt hinauf nach Amstetten auf der Schwäbischen Alb. Auf rund 5,7 Kilometern müssen die Züge etwa 112 Höhenmeter überwinden.
Die größte Steigung beträgt 22,5 Promille. Das bedeutet, dass die Strecke auf 1.000 Metern horizontaler Entfernung bis zu 22,5 Meter an Höhe gewinnt.
Bemerkenswert ist, dass die Geislinger Steige von Anfang an als reine Adhäsionsbahn geplant wurde. Zahnstangen, Seilzüge oder Spitzkehren waren nicht erforderlich. Die Lokomotiven übertragen ihre Zugkraft ausschließlich über die Reibung zwischen Rad und Schiene.
Technische Meisterleistung aus dem Jahr 1850
Die Geislinger Steige entstand im Zusammenhang mit dem Bau der Eisenbahnverbindung zwischen Stuttgart und Ulm. Die Bauarbeiten am schwierigen Albaufstieg begannen 1847 und dauerten rund drei Jahre.
Etwa 3.000 Arbeiter waren am Bau beteiligt. Für die damalige Zeit waren nicht nur die Steigung, sondern auch die umfangreichen Erdarbeiten und Felssprengungen eine enorme Herausforderung.
1850 wurde die Strecke eröffnet. Damit war eine durchgehende Eisenbahnverbindung über die Schwäbische Alb möglich. Die Geislinger Steige gilt deshalb als eine der frühen Gebirgsquerungen einer Eisenbahn in Kontinentaleuropa.
Michael Knoll und die Planung der Steige
Eng mit dem Bau der Strecke verbunden ist der württembergische Eisenbahningenieur Michael Knoll. Er war für die Planung und Ausführung des schwierigen Abschnitts verantwortlich.
An der Geislinger Steige erinnert heute das Knoll-Denkmal an den Ingenieur und den Bau der Strecke. Von seinem Standort befindet man sich unmittelbar an der historischen Bahntrasse und kann vorbeifahrende Züge aus nächster Nähe beobachten.
Der Mühltalfelsen wurde für die Bahn gesprengt
Wie aufwendig der Bahnbau war, zeigt der Mühltalfelsen. Der Felsen ragte ursprünglich weit in die geplante Trasse hinein und musste deshalb teilweise weggesprengt werden.
Am 14. September 1847 wurde ein Teil des damals auch als „Alter General“ bezeichneten Felsens mit einer großen Menge Schwarzpulver gesprengt. Zahlreiche Zuschauer verfolgten die Arbeiten.
Heute befindet sich oberhalb der Bahn ein Aussichtspunkt. Vom Mühltalfelsen ergibt sich einer der bekanntesten Blicke auf die Geislinger Steige. Die Bahnstrecke zieht sich hier in einem weiten Bogen durch das grüne Tal hinauf zur Albhochfläche.
Schiebelokomotiven auf der Geislinger Steige
Die starke Steigung stellte den Eisenbahnbetrieb über viele Jahrzehnte vor besondere Herausforderungen. Schwere Züge benötigten zusätzliche Lokomotiven, die am Bahnhof Geislingen an das Zugende gesetzt wurden und den Zug bis Amstetten hinaufschoben.
Dieser Schiebedienst prägte die Geislinger Steige über Generationen. Im Dampflokzeitalter standen dafür besonders leistungsfähige Lokomotiven bereit. Geislingen besaß deshalb auch ein eigenes Bahnbetriebswerk für die benötigten Maschinen.
E 93 und E 94: die deutschen Krokodile
1933 wurde die Strecke elektrifiziert. Für den schweren Güterverkehr entstanden besonders leistungsfähige Elektrolokomotiven der Baureihe E 93. Später kamen auch Maschinen der Baureihe E 94 hinzu.
Durch ihre langen Vorbauten erhielten diese sechsachsigen Elektrolokomotiven schnell den Spitznamen „Deutsches Krokodil“. Besonders die E 93 und E 94 sind bis heute eng mit der Geschichte der Geislinger Steige verbunden.
Die leistungsfähigeren Elektrolokomotiven reduzierten die Zahl der notwendigen Schubfahrten deutlich. Bei schweren Güterzügen blieb das Nachschieben aber weiterhin erforderlich.
Baureihen 150 und 151 im Schiebedienst
Auch nach dem Ende der Krokodil-Lokomotiven blieb der Schiebedienst bestehen. Ende der 1980er-Jahre übernahmen unter anderem Lokomotiven der Baureihe 150 diese Aufgabe. Später wurden auch Maschinen der Baureihe 151 eingesetzt.
Für Eisenbahnfotografen gehörten schwere Güterzüge mit zusätzlicher Schiebelokomotive am Zugschluss über viele Jahre zu den typischen Motiven der Geislinger Steige.
ICE und Fernverkehr auf der Steige
Über Jahrzehnte führte praktisch der gesamte Fernverkehr zwischen Stuttgart und Ulm über die Geislinger Steige. Neben klassischen Schnellzügen waren hier später InterCity-Züge und ICE zu beobachten.
Mit der Inbetriebnahme der Schnellfahrstrecke Wendlingen–Ulm hat sich die Bedeutung für den Fernverkehr verändert. Ein großer Teil der schnellen Fernzüge kann die Schwäbische Alb heute über die neue Strecke überqueren.
Auch 2026 weiterhin regulärer Bahnverkehr
Still geworden ist es auf der historischen Strecke deshalb keineswegs. Die Filstalbahn über Geislingen und Amstetten bleibt eine wichtige Regional- und Güterverkehrsstrecke.
Im Fahrplan 2026 verkehren unter anderem der MEX 16 und der RE 5 über die Geislinger Steige. Der RE 5 verbindet Stuttgart über Geislingen und Ulm mit Friedrichshafen. Dazu kommen regelmäßig Güterzüge.
Dadurch gibt es für Eisenbahnfotografen auch heute einen abwechslungsreichen Betrieb mit Regionalzügen und Güterverkehr.
Mühltalfelsen: der berühmte Blick auf die Bahn
Der Mühltalfelsen ist für Eisenbahnfreunde einer der interessantesten Punkte an der Strecke. Von oben blickt man auf die Bahnlinie, die sich am Hang durch das Tal zieht.
Besonders bei längeren Zügen lässt sich hier die Steigung gut erkennen. Der Aussichtspunkt ist über Wanderwege erreichbar und lässt sich hervorragend mit einer Tour entlang der historischen Strecke verbinden.
Knoll-Denkmal direkt an der Bahnstrecke
Eine völlig andere Perspektive bietet das Knoll-Denkmal. Hier befindet man sich wesentlich näher an den Gleisen. Das Denkmal erinnert an Michael Knoll und die Ingenieurleistung beim Bau der Geislinger Steige.
Bei einem Besuch müssen selbstverständlich die öffentlichen Wege genutzt und ausreichender Abstand zum Bahnbetrieb eingehalten werden. Die Gleisanlagen dürfen nicht betreten werden.
Erlebnispfad Geislinger Steige
Wer mehr Zeit mitbringt, kann die Eisenbahngeschichte mit einer Wanderung verbinden. Der Erlebnispfad Geislinger Steige führt auf rund 13 Kilometern durch die Landschaft oberhalb und unterhalb der historischen Strecke.
Unterwegs liegen mehrere Aussichtspunkte und historische Orte. Zu den Höhepunkten gehören die Burgruine Helfenstein, der Ödenturm, der Mühltalfelsen und ein Abstecher zum Knoll-Denkmal.
Für die komplette Runde sollten ungefähr viereinhalb Stunden eingeplant werden. Dabei werden rund 255 Höhenmeter überwunden.
Geislinger Steige im Museum im Alten Bau
Wer sich ausführlicher mit der Geschichte der Strecke beschäftigen möchte, sollte das Museum im Alten Bau in Geislingen besuchen.
Eine eigene Ausstellung beschäftigt sich mit der Bau- und Betriebsgeschichte der Geislinger Steige. Besonders sehenswert ist ein großes Modell der Strecke im Zustand des Jahres 1925.
Das Modell wurde im Maßstab 1:250 gebaut und stellt einen mehr als sechs Kilometer langen Abschnitt der Bahnstrecke zwischen Geislingen und Amstetten dar.
175 Jahre Geislinger Steige
Im Jahr 2025 feierte die Geislinger Steige ihr 175-jähriges Bestehen. Das Jubiläum wurde in Geislingen mit einem großen Eisenbahnwochenende gefeiert.
Historische Dampfzüge, Elektrolokomotiven und Sonderzüge waren dabei auf der Strecke unterwegs. Bei mehreren Parallelfahrten befuhren sogar mehrere historische Züge gleichzeitig die Steige.
Anreise zur Geislinger Steige
Ein guter Ausgangspunkt für einen Besuch ist der Bahnhof Geislingen (Steige). Von hier aus lassen sich die Stadt, das Museum und verschiedene Wanderwege erreichen.
Wer den Erlebnispfad nutzen möchte, kann direkt am Bahnhof mit der Wanderung beginnen. Die Route führt über die Höhen rund um Geislingen und später wieder zurück in die Stadt.
Lohnt sich ein Besuch der Geislinger Steige?
Für Eisenbahnfreunde gehört die Geislinger Steige zu den interessantesten Strecken in Baden-Württemberg. Hier verbinden sich fast zwei Jahrhunderte Eisenbahngeschichte mit weiterhin regelmäßigem Zugverkehr.
Besonders interessant ist ein Besuch für Eisenbahnfotografen. Vom Mühltalfelsen bietet sich der klassische Blick auf die Strecke, während sich an anderen Stellen Züge aus deutlich geringerer Entfernung beobachten lassen.
Wer mehr Zeit einplant, kann den Besuch mit dem Erlebnispfad und dem Museum im Alten Bau kombinieren. So lässt sich sowohl die heutige Bahn als auch die Geschichte des berühmten Albaufstiegs erleben.
Fotonachweis
Stuttgarter Vorortzug der Baureihe ET 25 im Bahnhof Geislingen (Steige) im Juni 1983. Foto: Frank Nowotny, Wikimedia Commons, CC BY-SA 4.0.
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