Vorbild

Verschwundene und leerstehende Wärterposten

Fünf Bahnwärterhäuser standen zwischen Leonberg und Ditzingen. Drei sind bewohnt geblieben. Von den anderen zwei erzählt dieser Teil: eines steht noch, aber ohne erkennbare Nutzung, das andere ist verschwunden.

Ditzingen Wegbrücke Bahnwärterhaus, Dezember 1932. Der Beton der Brücke trägt noch die Spuren der Schalung, die Böschungen liegen roh. Landesarchiv Baden-Württemberg, Staatsarchiv Ludwigsburg, PL 734 PA 178, Fotosammlung Harald Knauer. Lizenz CC BY 3.0 DE.

Das Haus an der Wegbrücke bei der Tonmühle

Dieses Foto ist das wertvollste Bild der ganzen Reihe. Es entstand im Dezember 1932, keine drei Monate nach der Inbetriebnahme des zweiten Gleises am 30. September. Der Blick geht die frisch zweigleisige Strecke entlang auf eine Betonbogenbrücke. Hinter dem Bogen steht ein Bahnwärterhaus, mit Klappläden, Rankpflanzen an der Wand und einem Gartenzaun davor.

Das Bild zeigt einen genauen Moment: den, in dem einem Posten die Aufgabe genommen wurde. Der Übergang, für den das Haus gebaut worden war, existierte zu diesem Zeitpunkt bereits nicht mehr. An seiner Stelle stand die Brücke.

Wie sich der Standort rekonstruieren lässt

Das Haus steht bei Streckenkilometer 9,65, rund 350 Meter westlich der Tonmühle, auf Ditzinger Gemarkung. Vier Quellen greifen dabei ineinander.

Die Flurkarte von 1818 bis 1840 verzeichnet an dieser Stelle kein Gebäude. Sie zeigt aber einen Weg, der vom Hochplateau hinunter zur Fleischmühle führt und genau den Korridor quert, in dem später die Trasse lag. Der Weg war also älter als die Bahn.

Das Messtischblatt von 1896 trägt dort ein Gebäudesymbol mit den Buchstaben B.W. Daneben kreuzt eine Straße die Bahn, links davon steht der Kilometerstein 10. Zum Vergleich: Das Nachbaranwesen Glaunhalde trägt auf derselben Karte nur ein H. für Haus. Die Karte unterscheidet also.

Die Ausgabe von 1929 zeigt die B.W.-Marke noch.

Die Geodaten von heute ergeben einen Grundriss von 8,8 mal 9,6 Metern, rund 84 Quadratmeter. Die Längsachse liegt auf fünf Grad genau parallel zum Gleis, und die Gebäudemitte ist 15 Meter von der Gleisachse entfernt. Bauernhäuser und Feldscheunen richten sich nach Flurgrenzen oder Hanglage aus, Bahngebäude nach der Trasse.

Daraus ergibt sich eine Geschichte ohne Lücken. Vor 1869 kreuzte ein Wirtschaftsweg den späteren Bahnkorridor. Mit dem Bau der Strecke entstand dort ein niveaugleicher Übergang, der gesichert werden musste, und dafür ein Wärterposten mit Wohnhaus. Beim zweigleisigen Ausbau von 1930 bis 1932 wurde der Übergang durch die Betonbogenbrücke ersetzt. Damit verlor der Posten seinen Zweck. Das Haus blieb.

Dasselbe Haus heute. Foto: Matthias Korte.

Was heute dort steht

Das Haus existiert noch. Es ist inzwischen vertafelt, also verkleidet, und wer es ohne das alte Foto sieht, hält es für einen Holzbau.

Über die heutige Nutzung liegt kein Beleg vor. In OpenStreetMap ist das Gebäude als Ruine erfasst, aber dieser Eintrag stammt von 2017 und wurde allein aus einem Luftbild abgeleitet, ohne Ortskenntnis. Er sagt deshalb wenig.

Interessant wird der Vergleich mit dem Bild von 1932 an einem Detail: Im Obergeschoss sitzen dort zwei kleine runde Öffnungen. Solche Rundfenster sind ein auffälliges Merkmal. Ob sie unter der Verkleidung erhalten sind, ist die Frage, die man vor Ort beantworten kann.

Eine Warnung noch, weil es leicht zu verwechseln ist: In der Nähe liegt ein Freizeitgrundstück, das keinen Bahnbezug hat. Wer die Stelle sucht, sollte sich am Kilometerstein und an der Feldwegbrücke orientieren.

Der Posten westlich des Ditzinger Bahnhofs

Er lag bei Streckenkilometer 8,3, zwischen der heutigen Brücke der Westrandstraße und der Brücke der Calwer Straße, in der Nähe der früheren Sägmühle. Auf dem Messtischblatt von 1896 ist er als B.W. eingetragen.

Heute steht dort nichts mehr.

Der Streckenabschnitt Höfingen bis Ditzingen auf dem Messtischblatt von 1896. Westlich des Bahnhofs Ditzingen steht eine B.W.-Marke, eine weitere an der Tonmühle. Deutsche Fotothek / SLUB Dresden, Lizenz CC BY-SA 4.0.

Wann er abging, ist offen, und hier lohnt es sich, offen über die Grenzen der Methode zu sprechen. Auf der Ausgabe von 1929 fehlt an dieser Stelle die B.W.-Marke. Der naheliegende Schluss wäre, dass der Posten zwischen 1896 und 1929 verschwand.

Dieser Schluss trägt nicht. Denn dieselbe Karte von 1929 zeigt auch beim Haltepunkt Höfingen keine B.W.-Marke, obwohl das Wärterhaus dort bis heute steht. An seiner Stelle steht die Bezeichnung Hp. mit der Höhenangabe 337,2. Sobald ein wichtigeres Zeichen denselben Platz beansprucht, verschwindet die Beschriftung. Aus einem fehlenden Eintrag lässt sich deshalb kein Abriss folgern.

Wie man ein Haus findet, das es nicht mehr gibt

Ein Haus, das noch steht, kann man fotografieren. Ein Haus, das weg ist, hinterlässt im besten Fall ein paar Steine. Meist nicht einmal das. Drei Werkzeuge helfen trotzdem.

Alte Karten mit Abkürzungen. Das Messtischblatt Leonberg kennzeichnet Bahnwärterhäuser mit B.W., gewöhnliche Einzelgebäude mit H., Mühlen mit M. und Steinbrüche mit Stbr. Wer weiß, wonach er sucht, liest die Wärterposten direkt ab. Dass die Karte zugleich die Streckenkilometer einträgt, macht sie zum Verzeichnis.

Mehrere Ausgaben derselben Karte. Von diesem Blatt gibt es Ausgaben von 1896 und 1929. Wo eine Marke in der späteren noch steht, ist das ein Datum. Wo sie fehlt, ist es keines, denn die Beschriftung wird verdrängt, sobald ein wichtigeres Zeichen denselben Platz braucht.

Die Geometrie am Boden. Ein Bahngebäude steht parallel zur Trasse und ungewöhnlich nah. Wo einmal ein Weg die Bahn kreuzte, ist die Wegeführung oft bis heute erhalten, auch wenn der Übergang längst durch eine Brücke ersetzt wurde. Die alten Linien bleiben in der Landschaft, wenn die Gebäude verschwinden.

Wie es weitergehen könnte

Zwei Wege sind noch offen.

Die Luftbilder von 1968. Das Land ließ damals sein gesamtes Gebiet befliegen. Die Bilder sind digitalisiert und über das Landeskundeportal LEO-BW frei zugänglich, auch georeferenziert. Wer die Koordinaten eingibt, sieht den Zustand vor dem S-Bahn-Umbau von 1975. Damit ließe sich das Zeitfenster für den Ditzinger Posten verkleinern und die Frage klären, wann das Haus an der Tonmühle zuletzt genutzt wurde.

Das Archiv. Im Staatsarchiv Ludwigsburg liegen die Hochbaupläne der Eisenbahndirektion Stuttgart, für die Schwarzwaldbahn unter anderem Situationspläne. Bei anderen württembergischen Strecken sind darin einzelne Wärterhäuser mit Postennummer und Streckenkilometer verzeichnet. Dort könnten auch Abbruchdaten stehen.

Sollte sich etwas ergeben, reiche ich es hier nach.

Häufige Fragen

Woher weiß man, dass dort überhaupt Bahnwärterhäuser standen?

Aus dem Messtischblatt Leonberg von 1896. Es kennzeichnet Bahnwärterhäuser ausdrücklich mit den Buchstaben B.W. und trägt zugleich die Streckenkilometer ein.

Steht das Haus an der Tonmühle noch?

Ja. Es ist inzwischen vertafelt. Über die heutige Nutzung liegt kein Beleg vor.

Wann wurde der Posten westlich von Ditzingen abgerissen?

Das ist offen. Genaue Abbruchdaten sind bisher nicht bekannt. Aus dem Fehlen der Kartenmarke von 1929 lässt sich nichts folgern, siehe oben.

Kann man die Karten selbst ansehen?

Ja. Beide Ausgaben des Blattes, 1896 und 1929, sind über die Deutsche Fotothek der SLUB Dresden digitalisiert und stehen unter einer freien Lizenz.

Warum wurde der Posten an der Tonmühle überflüssig?

Weil der Bahnübergang verschwand. Beim zweigleisigen Ausbau von 1930 bis 1932 wurde er durch eine Brücke ersetzt. Wo kein Übergang ist, braucht ihn niemand zu bewachen.

Quellen

Topographische Karte des Königreichs Württemberg 1:25000, Blatt 56 Leonberg, Ausgaben 1896 und 1929, Deutsche Fotothek der SLUB Dresden.

Landesarchiv Baden-Württemberg, Staatsarchiv Ludwigsburg, Bestand PL 734, Fotosammlung Harald Knauer, Signatur PA 178.

Historische Flurkarte Württemberg 1:2500, Aufnahme 1818 bis 1840, Landesamt für Geoinformation und Landentwicklung Baden-Württemberg.

LEO-BW, Landeskunde Baden-Württemberg, Luftbilder der Landesbefliegung 1968.

OpenStreetMap-Mitwirkende, Gebäudegeometrien und Kilometersteine.

Die Reihe im Überblick


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