Ein Bautyp, zwei Gesichter
Wer sich einmal für Bahnwärterhäuser interessiert, merkt schnell, dass sie sich ähneln. Kleine Häuser, dicht am Gleis, meist zweigeschossig, oft mit einem niedrigeren Anbau an der Seite. Das ist kein Zufall. Die Königlich Württembergischen Staats-Eisenbahnen bauten ihre Hochbauten nach sogenannten Normalien, also nach genormten Plänen, die für eine ganze Strecke oder gleich für mehrere galten.
Umso überraschender ist, was sich an der Württembergischen Schwarzwaldbahn zeigt. Auf derselben Strecke, sogar auf zwei Abschnitten, die am selben Tag eröffnet wurden, sehen die Wärterhäuser unterschiedlich aus. Diesem Widerspruch bin ich nachgegangen, und aufgelöst ist er noch nicht.
Was die Denkmalpflege beschreibt
Das Landesamt für Denkmalpflege hat die Württembergische Schwarzwaldbahn dokumentiert, allerdings vor allem den heute stillgelegten Abschnitt zwischen Weil der Stadt und Calw. Für die Bahnwärterhäuser dort steht in der Dokumentation eine klare Beschreibung. Sie entstanden mit Betriebsbeginn und wurden baugleich ausgeführt. Der Sockel besteht aus Natursteinbuckelquadern, das Erdgeschoss ist mit Holzschindeln verkleidet, Ober- und Dachgeschoss tragen eine Bretterschalung mit Deckleisten.
Um 1907 kamen an den Häusern zusätzliche Wärterbuden aus Wellblech dazu. Zwischen 1925 und 1945 entstand bei Weil der Stadt sogar eine Wärterbude aus Beton.
Das ist eine präzise Beschreibung, und sie klingt nach einem Holzbau auf steinernem Sockel.
Was die Fotos aus dem Glemstal zeigen
Im Staatsarchiv Ludwigsburg liegt die Fotosammlung Harald Knauer, ein außergewöhnlich umfangreiches Bildarchiv zum Eisenbahnwesen in Württemberg. Darin finden sich Aufnahmen der Wärterhäuser zwischen Ditzingen und Leonberg.
Die älteste stammt vom Dezember 1932 und zeigt das Haus an der Wegbrücke bei der Tonmühle. Man sieht ein zweigeschossiges Gebäude mit Satteldach und mittigem Schornstein, gemauert, mit deutlich erkennbarer Quaderwirkung in der Wand. Links sitzt ein niedrigerer Anbau. Von Holzschindeln oder Bretterschalung ist nichts zu sehen.

Zwei weitere Aufnahmen zeigen das Wärterhaus an der Felsgartenstraße in Höfingen im März 1987 und das Haus bei Lindenberg im Oktober 1988. Beide gehören erkennbar zum selben Bautyp:
Zweigeschossiger Massivbau aus Sandsteinquadern. Ein Zahnschnittfries als Band zwischen den Geschossen und unter der Traufe. Ein verzierter Giebel mit Zierbrett. Fenster mit steinernen Gewänden und hölzernen Klappläden. Seitlich ein niedrigerer Anbau, in dem Stall und Werkzeugkammer untergebracht waren.

Das sind sorgfältig gemachte kleine Häuser mit Schmuck an Giebel und Gesims. Für reine Zweckbauten wirken sie zu aufwendig. Es waren Dienstwohnungen einer Staatsbahn, die auf ihr Erscheinungsbild achtete.
Ein viertes Haus des Abschnitts steht ebenfalls noch, unweit der Felsensägmühle bei Streckenkilometer 13,4. Von diesem gibt es keine historische Aufnahme, und damit fehlt gerade das Stück, das die Frage entscheiden könnte. Es ist der einzige erhaltene Posten der Strecke, dessen Bauform bislang nicht dokumentiert ist.

Das Problem mit der einfachen Erklärung
Die naheliegende Antwort wäre, dass die beiden Abschnitte zu verschiedenen Zeiten gebaut wurden und deshalb verschiedene Typen bekamen. Diese Erklärung hält der Prüfung nicht stand.
Die Strecke ging in drei Etappen in Betrieb. Zuffenhausen bis Ditzingen am 23. September 1868. Ditzingen bis Weil der Stadt am 1. Dezember 1869. Weil der Stadt bis Calw am 20. Juni 1872.
Der Glemstal-Abschnitt mit unseren Massivbauten gehört zur zweiten Etappe. Der von der Denkmalpflege beschriebene Abschnitt gehört zur dritten. Ein zeitlicher Abstand von zweieinhalb Jahren also, was für einen Typenwechsel knapp, aber denkbar wäre.
Interessanter wird es bei einem Haus etwas weiter westlich, schon jenseits von Leonberg. Bei Streckenkilometer 16,5 steht der Posten 16. Eine Farbaufnahme vom November 1989 zeigt ihn: heller massiver Unterbau, darüber eine dunkle senkrechte Bretterschalung. Das ist die Bauweise, die die Denkmalpflege für den Calwer Abschnitt beschreibt.

Nur liegt Posten 16 gar nicht im Calwer Abschnitt. Er gehört zur zweiten Etappe, genau wie die Häuser im Glemstal. Beide wurden am 1. Dezember 1869 in Betrieb genommen. Auf einem Streckenstück von wenigen Kilometern stehen also zwei unterschiedlich aussehende Wärterhäuser gleichen Baujahrs.
Drei mögliche Erklärungen
Die Verschalung kam später. Ein massiv gemauertes Haus lässt sich nachträglich verkleiden, zum Wetterschutz an einer zugigen Lage oder im Zuge einer Instandsetzung. Für diese Erklärung spricht ein aktueller Befund. Das Haus bei der Tonmühle, das 1932 noch als Steinbau fotografiert wurde, ist heute vertafelt. Wer es ohne das alte Foto sieht, hält es für einen verkleideten Bau. Genau dieselbe Verwechslung könnte bei Posten 16 vorliegen, nur dass die Verkleidung dort schon vor 1989 angebracht wurde.
Es gab Bauphasen innerhalb einer Eröffnung. Die Hochbauten wurden getrennt von der Trasse ausgeschrieben. In Leonberg saß ein eigenes Bauamt unter Bauinspektor Heigelin, die Leitung der Hochbauten lag bei Bauinspektor Schurr. Wenn sich einzelne Häuser verzögerten oder in einem anderen Los vergeben wurden, konnten sie durchaus anders ausfallen.
Die Posten waren unterschiedlich wichtig. Ein Wärterhaus an einer stark befahrenen Straßenkreuzung musste mehr leisten als ein einfacher Streckenposten. Denkbar ist, dass die Staatsbahn dort, wo Publikum vorbeikam, aufwendiger baute. Das Höfinger Haus steht an einer Straße, das Tonmühlen-Haus an einer Wegkreuzung. Posten 16 liegt dagegen frei im Feld.
Belegen lässt sich bisher keine der drei Möglichkeiten.
Wo die Antwort liegen dürfte
Zwei Quellen kommen infrage, und beide sind bisher nicht ausgewertet.
Im Staatsarchiv Ludwigsburg liegen die Hochbaupläne der Eisenbahndirektion Stuttgart, ein Bestand, der bis in die Bauzeit zurückreicht. Für die Schwarzwaldbahn sind dort Situationspläne unter der Signatur E 79 II, Bü 628 verzeichnet. Bei anderen württembergischen Strecken sind in diesen Beständen einzelne Gebäudepläne erhalten, teilweise mit Angabe von Postennummer und Streckenkilometer. Für Dettingen etwa existiert ein Plan von 1909 zu einem Nebengebäude am Bahnwärterhaus Posten 6, für Lorch eine Akte zum Bahnwärterhaus Posten 50 mit einer Laufzeit von 1862 bis 1922.
Die zweite Quelle ist die Literatur zur Strecke. Hans-Joachim Knupfer hat 2010 eine Monografie zur Württembergischen Schwarzwaldbahn vorgelegt, die auch von der Denkmaldokumentation als Quelle herangezogen wird. Der Verein Württembergische Schwarzwaldbahn hat die Wärterhäuser außerdem in zwei Ausgaben seiner Vereinszeitschrift behandelt.
Warum die Frage mehr ist als eine Fußnote
Die Bauform eines Wärterhauses sagt etwas darüber, wie eine Bahnverwaltung ihre Leute untergebracht hat. Ein Holzbau auf Sockel ist schnell und günstig zu errichten. Ein Sandsteinquaderbau mit Zahnschnittfries und geschmücktem Giebel kostet mehr und hält länger. Dass beides auf derselben Strecke vorkommt, ist deshalb kein rein architektonisches Detail.
Für den Vergleich lohnt ein Blick zu den Nachbarn. An der württembergischen Brenztalbahn zwischen Aalen und Ulm gab es nachweislich zwei Generationen von Wärterhäusern, einen Typ von 1864 mit quadratischem Grundriss von 5,16 mal 8,59 Metern und rund fünfzig Quadratmetern Wohnfläche, und einen Typ von 1875 mit sechzig Quadratmetern, gebaut aus Sichtbackstein mit Holzverkleidungen. Auch dort wechselte also der Typ innerhalb einer Strecke.
Die badische Staatsbahn ging noch weiter und teilte ihre Wärterhäuser ausdrücklich in drei Klassen ein, von einem einfachen Dienstraum für ledige Wärter bis zur vollständigen Familienwohnung mit zwei Zimmern, Küche, Speiseraum und Keller. Eine solche Abstufung wäre auch in Württemberg denkbar und würde die dritte der oben genannten Erklärungen stützen.
Was auf der Strecke zu prüfen ist
Die Frage lässt sich zu einem guten Teil vor Ort klären, und darum geht es beim nächsten Gang an die Strecke. An jedem der erhaltenen Häuser ist zu prüfen, was unter späteren Verkleidungen noch sichtbar ist.
Ist am Sockel Buckelquadermauerwerk erkennbar? Findet sich der Zahnschnittfries, den die Häuser in Höfingen und bei Lindenberg tragen? Sind die Fenstergewände aus Sandstein? Gibt es Spuren einer früheren Schindeldeckung, etwa Nagelreihen oder Absätze im Putz? Und steht der seitliche Anbau noch, in dem Stall und Werkzeug untergebracht waren?

Am meisten hängt am Haus bei der Felsensägmühle. Da von ihm kein altes Bild existiert, ist jede Beobachtung dort neu. Zeigt es Zahnschnittfries und Steingewände, gehört es zur Gruppe der drei anderen und der Massivbau ist für den ganzen Abschnitt belegt. Zeigt es eine Bretterschalung wie Posten 16, wird die Frage erst richtig spannend.
Beim Haus an der Tonmühle kommt eine besondere Frage dazu. Auf der Aufnahme von 1932 sitzen im Obergeschoss zwei kleine runde Öffnungen. Solche Rundfenster sind ein auffälliges Merkmal, das sich unter einer Verkleidung entweder erhalten hat oder verschwunden ist. Wer sie findet, hat den direkten Anschluss an das Bild von 1932.
Häufige Fragen
Was sind Normalien im Eisenbahnbau?
Genormte Baupläne, nach denen eine Bahnverwaltung ihre Hochbauten errichtete. In Württemberg ist das gut am sogenannten Einheitsbahnhof zu sehen, von dem zwischen 1892 und etwa 1903 neunundfünfzig Bauten in drei Varianten entstanden. Auch das Empfangsgebäude in Ditzingen von 1868 ist ein solcher Typenbau, baugleich errichtet in Korntal, Renningen und Althengstett.
Wie groß war ein württembergisches Bahnwärterhaus?
Das hing vom Typ ab. Die belegten Beispiele von der Brenztalbahn liegen bei rund fünfzig bis sechzig Quadratmetern Wohnfläche. Röll gibt 1912 als Richtwerte eine Küche mit zehn bis fünfzehn Quadratmetern, eine Wohnstube mit zwanzig bis dreißig und zwei Kinderkammern mit je zwölf bis fünfzehn Quadratmetern an, dazu Keller und Nebengebäude.
Sind Bahnwärterhäuser denkmalgeschützt?
Manche ja, viele nicht. In den Kulturdenkmallisten von Leonberg und Ditzingen taucht keines der Häuser im Glemstal auf. Andernorts sieht es anders aus, etwa beim Bahnwärterhaus Posten 49 bei Lauffen am Neckar an der Württembergischen Nordbahn von 1848, das über ein Landesprogramm saniert wird.
Woher stammen die historischen Fotos?
Aus dem Bestand PL 734 des Staatsarchivs Ludwigsburg, der Fotosammlung Harald Knauer zum Eisenbahnwesen in Württemberg. Die Aufnahmen sind digitalisiert und über die Deutsche Digitale Bibliothek zugänglich.
Quellen
Landesamt für Denkmalpflege Baden-Württemberg, Datenbank Bauforschung, Streckendokumentation Württembergische Schwarzwaldbahn.
Landesarchiv Baden-Württemberg, Staatsarchiv Ludwigsburg, Bestand PL 734, Fotosammlung Harald Knauer, sowie Bestand E 79 II zur Eisenbahndirektion Stuttgart.
Hans-Joachim Knupfer: Die Württembergische Schwarzwaldbahn, DGEG Medien 2010.
Uwe Siedentop: Die Brenztalbahn, Heidenheim 2007.
Viktor von Röll: Enzyklopädie des Eisenbahnwesens, 2. Auflage 1912, Artikel Bahnwärterhaus.
Die Reihe im Überblick
- Teil 1: Vergessene Bahnwärterhäuser im Glemstal: Übersicht und Karte
- Teil 2: Die bewohnten Bahnwärterhäuser im Glemstal
- Teil 3: Verschwundene und leerstehende Wärterposten
- Teil 4: Ein Bautyp, zwei Gesichter (dieser Beitrag)
- Teil 5: Der Alltag eines Bahnwärters an der Schwarzwaldbahn
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