Die bewohnten Bahnwärterhäuser im Glemstal
Von den fünf Bahnwärterhäusern, die das Messtischblatt von 1896 zwischen Leonberg und Ditzingen verzeichnet, sind drei bis heute Wohnhäuser geblieben. Eines steht unten im engen Tal bei der Felsensägmühle, eines einsam über dem Glemstal im Weiler Lindenberg, das dritte mitten in Höfingen an der Felsgartenstraße. Alle drei haben ihre Aufgabe um mehr als hundert Jahre überlebt.
Dieser Teil geht sie von Leonberg her ab.

Felsensägmühle, km 13,4: das Haus mit der lückenlosen Geschichte
Der erste Posten hinter Leonberg liegt im engsten Abschnitt des Glemstals, unweit der Felsensägmühle, unmittelbar am Bahndamm. Vom Talweg geht es ein Stück bergauf, dann steht das Haus frei, mit großem Garten, und die Gleise verlaufen dicht daneben. Ein Zaun trennt beides. Bis zum Leonberger Bahnhof sind es am Gleis entlang gut siebenhundert Meter.
Auf dem Messtischblatt von 1896 steht dort ein B.W. Und was diesen Posten von allen anderen des Abschnitts unterscheidet: Auch die Ausgabe von 1929 zeigt die Marke noch. Das ist der einzige positive Datierungsbeleg der ganzen Reihe. Bei den übrigen Häusern lässt sich nur sagen, dass sie 1896 standen und heute noch stehen.

Die Familie
Am 2. Januar 2025 erschien in der Stuttgarter Zeitung ein Bericht der Autorin Brunhilde Arnold über die Bewohnerin dieses Hauses. Martha Binder hatte dort kurz zuvor ihren hundertsten Geburtstag gefeiert.
Sie lebt seit 1963 in dem Haus. Ihr Mann Paul Binder arbeitete bei der Bahn und pendelte vom Leonberger Bahnhof zur Arbeit nach Feuerbach. Die Familie zog ein, als die Wohnung frei wurde. Aus diesem einen Satz lässt sich etwas ablesen, das sonst schwer zu belegen wäre: Das Haus gehörte 1963 noch der Bahn und wurde an einen Eisenbahner vermietet, fast hundert Jahre nach dem Bau.
Zehn Kinder wuchsen dort auf, dazu kamen sechzehn Enkel und vierzehn Urenkel. Für die wachsende Familie wurde das Haus beidseitig angebaut. Der Bericht formuliert es so, dass heute nicht mehr zu erkennen sei, dass hier einmal ein kleines Bahnwärterhäusle stand, wie es auf alten Bildern zu sehen ist.
Zum Lärm sagt die Familie einen Satz, den man sich merkt. Die S-Bahn fährt bis etwa ein Uhr nachts am Wohnzimmerfenster vorbei. Eine Straße mit Autos wäre lauter.
Den Weg in die Stadt gingen die Kinder am Gleis entlang, zur Schule, zum Einkaufen und zum Bahnhof. Das ist die Alltagsseite dessen, was in den Dienstvorschriften nüchtern als Residenzpflicht steht. Der Bahnwärter musste auf seinem Posten wohnen, damit er jederzeit einsatzbereit war. Wo der Posten lag, lag auch das Zuhause.
Was noch fehlt
Von den drei bewohnten Häusern ist dieses das, über das am wenigsten bekannt ist. Ein historisches Foto gibt es bisher nicht, und die Bauform ist damit auch nicht dokumentiert. Ob es denselben Zahnschnittfries und dieselben steinernen Fenstergewände zeigt wie die beiden anderen, ist eine offene Frage, die sich vor Ort beantworten lässt.
Lindenberg, km 12,32: das Haus über dem Tal
Rund einen Kilometer weiter Richtung Höfingen steht das zweite bewohnte Haus, im Weiler Lindenberg auf Höfinger Gemarkung. Vom Glemstal aus führt ein Weg bergauf zum Bahndamm, oben liegt es frei mit großem Grundstück.
Auf dem Messtischblatt von 1896 ist der Posten eingetragen, unweit von Scheffelmühle und Schokenrain. Bemerkenswert ist auch, was fehlt: In der Aufzählung der historischen Wohnplätze Höfingens taucht dieser Ort nicht auf, anders als die benachbarten Mühlen und Höfe, die schon 1831 verzeichnet sind. Das passt zu einer Entstehung mit der Bahn nach 1869.

Was 1988 zu sehen war
Im Oktober 1988 fotografierte Harald Knauer dieses Haus zweimal. Die Aufnahmen sind im Findbuch mit den Kilometerangaben 12+320 und 12+321 codiert, sie lassen sich also metergenau zuordnen.
Auf der Fernansicht steht das Haus über einer Wiese. Davor liegt ein Nutzgarten mit angelegten Beeten, dazu Obstbäume und ein Leitungsmast. Auf der Nahansicht erkennt man die Bauform: zweigeschossiger Quaderbau, ein Zahnschnittfries zwischen den Geschossen, ein verzierter Giebel, Fenster mit Klappläden. Rechts sitzt ein niedrigerer Anbau mit eigenem Dach, links steht ein weiteres, efeuüberwachsenes Nebengebäude.

Der Garten auf der Fernansicht ist mehr als Beiwerk. Zum Bahnwärterhaus gehörte von Anfang an Grund zur Selbstversorgung, und das war Teil der Bezahlung. Die Bahn stellte so viel Land, dass eine Familie Gemüse ziehen und Kleinvieh halten konnte. Auf dem Bild von 1988 war dieser Garten hundertzwanzig Jahre alt und immer noch in Betrieb.
Für dieses Haus sind damit die Bauform und ein Zustand von 1988 dokumentiert, aber keine Bewohnergeschichte. Wer dort wohnte und seit wann, ist nicht bekannt.
Höfingen, km 11,05: das Haus, das den Bahnhof überlebte
Das dritte bewohnte Haus steht mitten im Ort, an der Felsgartenstraße, unmittelbar beim heutigen S-Bahn-Haltepunkt. Seine Geschichte hängt an einer Merkwürdigkeit.
Als die Strecke am 1. Dezember 1869 eröffnet wurde, führte sie über Höfinger Markung. Einen Halt bekam der Ort trotzdem nicht. Zwanzig Jahre lang fuhren die Züge durch.
Das ist umso bemerkenswerter, als Höfingen an der Trassenentscheidung nicht ganz unbeteiligt war. Der Schlossgutsbesitzer im Ort war Karl von Varnbüler, zugleich württembergischer Außenminister und für das Eisenbahnwesen zuständig. Er hatte sich für die Führung über Leonberg eingesetzt. Die Gemeinde dankte es ihm 1885 mit der Ehrenbürgerwürde.
Für einen eigenen Halt reichte das nicht. Dafür brauchte es die Bürger. Sie gründeten einen Verein, der sich für den Bau einer Station einsetzte. Am 27. September 1888 wurde der Haltepunkt angekündigt, und am 16. Januar 1889 hielt zum ersten Mal ein Personenzug in Höfingen, im Beisein der jubelnden Bevölkerung. Die Fahrt nach Stuttgart dauerte damals 35 Minuten. Varnbüler starb im selben Jahr.
Das erste Stationsgebäude war ein einstöckiger Holzbau mit Warteraum, Dienstraum und angrenzendem Güterschuppen. Eisenbahnrechtlich war Höfingen nie ein Bahnhof, sondern ein Haltepunkt, und das ist bis heute so.
In den 1970er Jahren baute die Bundesbahn die Station für die S-Bahn um. Dabei riss sie 1975 das Empfangsgebäude ab. Das Bahnwärterhaus blieb stehen. An die alte Anlage erinnert heute noch ein Straßenname wenige Meter westlich: Alter Bahnhofsweg.
Wie die Adresse geklärt wurde
Dass in Höfingen ein Bahnwärterhaus erhalten blieb, steht im Höfinger Heimatbuch. Welches Gebäude genau gemeint ist, stand dort nicht.
Die Antwort kam aus dem Staatsarchiv Ludwigsburg. In der Fotosammlung Harald Knauer liegen zwei Aufnahmen vom März und April 1987 mit der Beschriftung Höfingen Bahnwärterhaus und der Kilometerangabe 11+051. Auf der ersten hängt an der Hausecke ein Straßenschild. Vergrößert man den Ausschnitt, lässt es sich lesen: Felsgartenstraße.

Auf der Aufnahme steht ein freistehendes Eckhaus an der Straße. Zweigeschossig, in regelmäßigem Sandstein-Quadermauerwerk, auf einem Sockel aus Bruchstein. Zwischen den Geschossen läuft ein Zahnschnittfries, ein schmales Band aus vorstehenden Steinen. Am Giebel sitzt ein verziertes Zierbrett. Die Fenster haben steinerne Gewände und hölzerne Klappläden. Rechts schließt ein niedrigerer Anbau an.
Dieser Anbau ist kein Zufall. Viktor von Röll beschreibt 1912 in seiner Enzyklopädie des Eisenbahnwesens, was zu einem Wärterhaus gehörte: Wohnräume, Keller, Abort und ein Nebengebäude mit Stall, Futterlager, Holzlege und Werkzeugkammer. Genau dafür war der seitliche Anbau da.

Die offene Frage
Auf dem Messtischblatt von 1896 ist an dieser Stelle ein Bahnwärterhaus eingetragen, unweit der Tilghäuslesmühle. Die Karte bestätigt also den Standort.
Was sie nicht beantwortet, ist die interessanteste Frage: Wann wurde das Haus gebaut?
Die Strecke ging 1869 in Betrieb, der Haltepunkt kam erst 1889. Wenn das Wärterhaus mit der Strecke entstand, stand hier zwanzig Jahre lang ein Posten an einer Bahn, die für die Höfinger nur aus vorbeifahrenden Zügen bestand. Der Standort hätte dann nacheinander zwei ganz verschiedene Funktionen gehabt, erst Wärterposten an freier Strecke, dann Station daneben.
Belegt ist das bisher nicht. Die Antwort dürfte im Höfinger Heimatbuch von 1986 stehen oder in den Hochbauakten der Eisenbahndirektion Stuttgart.
Was die drei Häuser gemeinsam haben
Sie stehen dort, wo sie stehen, weil ihre Bewohner dort stehen mussten. Der Weg zur Schule, zum Einkaufen und zum Bahnhof führte am Gleis entlang.
Zwei von ihnen teilen nachweislich dieselbe Bauform, beim dritten ist es zu prüfen. Zweigeschossiger Sandstein-Quaderbau, Zahnschnittfries zwischen den Geschossen, verzierter Giebel, Fenster mit Steingewänden und Klappläden, seitlich ein niedrigerer Anbau für Stall und Werkzeug. Für reine Zweckbauten wirken sie zu aufwendig. Es waren Dienstwohnungen einer Staatsbahn, die auf ihr Erscheinungsbild achtete.
Und sie sind alle deshalb erhalten, weil sie brauchbar waren. Ein Wärterhaus verliert seine Funktion, aber es bleibt ein Haus.
Ein Hinweis in eigener Sache
Alle drei Häuser sind Privatbesitz und werden bewohnt. Wer sie sich ansehen möchte, tut das bitte vom öffentlichen Weg aus. Bei der Felsensägmühle geht das vom Glemsmühlenweg im Tal, bei Lindenberg vom Weg, der vom Glemsmühlenweg bergauf zum Bahndamm führt, in Höfingen von der Felsgartenstraße.
Häufige Fragen
Wie viele Bahnwärterhäuser sind zwischen Leonberg und Ditzingen erhalten?
Vier von fünf. Drei davon sind bewohnt, das vierte steht an der Wegbrücke bei der Tonmühle und ist vertafelt.
Wo steht das Haus, über das die Stuttgarter Zeitung berichtet hat?
Im Glemstal am Leonberger Stadtrand, unweit der Felsensägmühle, bei Streckenkilometer 13,4. Bis zum Leonberger Bahnhof sind es am Gleis entlang gut siebenhundert Meter.
Wo genau steht das Bahnwärterhaus in Höfingen?
An der Felsgartenstraße, unmittelbar beim S-Bahn-Haltepunkt, bei Streckenkilometer 11,05. Die Adresse ist über das Straßenschild auf einem Archivfoto von 1987 gesichert.
Warum wurde 1975 der Bahnhof abgerissen und das Wärterhaus nicht?
Der Umbau galt der S-Bahn-Station. Das hölzerne Empfangsgebäude von 1889 stand dem im Weg, das Wärterhaus nicht. Ein Grund mehr ist nicht überliefert.
Seit wann hat Höfingen einen Bahnhalt?
Seit dem 16. Januar 1889. Die Strecke selbst fuhr schon seit dem 1. Dezember 1869 durch den Ort.
Wie alt sind die Häuser?
Belegt sind sie auf der Karte von 1896. Da alle Posten des Abschnitts mit dem Bahnbau entstanden, ist eine Errichtung um 1869 wahrscheinlich. Ein Baudatum aus den Akten liegt für keines der drei vor. Für das Haus bei der Felsensägmühle ist immerhin belegt, dass es bis zum Nachtragsstand der Kartenausgabe von 1929 bestand.
Quellen
Stuttgarter Zeitung und Stuttgarter Nachrichten vom 2. Januar 2025, Brunhilde Arnold: Leonberg, wie lebt es sich im Bahnwärterhäusle.
Albrecht, Birnbaum, Hezer, Mergel: Höfinger Heimatbuch, Heimsheim 1986.
Landesarchiv Baden-Württemberg, Staatsarchiv Ludwigsburg, Bestand PL 734, Fotosammlung Harald Knauer, Signaturen FM2 908, FK 477 und FM2 1015.
Topographische Karte des Königreichs Württemberg 1:25000, Blatt 56 Leonberg, Ausgaben 1896 und 1929, Deutsche Fotothek der SLUB Dresden.
LEO-BW, Landeskunde Baden-Württemberg, Ortslexikon Höfingen.
Viktor von Röll: Enzyklopädie des Eisenbahnwesens, 2. Auflage 1912, Artikel Bahnwärterhaus.
Die Reihe im Überblick
- Teil 1: Vergessene Bahnwärterhäuser im Glemstal: Übersicht und Karte
- Teil 2: Die bewohnten Bahnwärterhäuser im Glemstal (dieser Beitrag)
- Teil 3: Verschwundene und leerstehende Wärterposten
- Teil 4: Ein Bautyp, zwei Gesichter
- Teil 5: Der Alltag eines Bahnwärters an der Schwarzwaldbahn
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