Vorbild

Vergessene Bahnwärterhäuser im Glemstal: Übersicht und Karte

Zwischen Ditzingen und Leonberg braucht die S6 keine sieben Minuten. Sie fährt durch das Glemstal, an den alten Mühlen vorbei, unter Brücken hindurch, und niemand im Zug denkt darüber nach, wie diese Strecke früher sicher gehalten wurde. Vor hundertfünfzig Jahren geschah das durch Menschen, die an der Strecke wohnten.

Auf diesen knapp sieben Kilometern standen einmal fünf Bahnwärterhäuser. Diese Reihe geht ihnen nach.

Die Strecke im Glemstal heute. Foto: [Ihr Name].

Wie die Bahn überhaupt ins Glemstal kam

Dass die Schwarzwaldbahn durch das Glemstal fährt, war lange nicht ausgemacht. In den 1860er Jahren stritt Württemberg darüber, ob die Strecke von Stuttgart über Leonberg oder über Böblingen geführt werden sollte. Für Böblingen sprach die stärkere Industrie und die bessere Anbindung von Tübingen. Dagegen standen die Kosten, denn der Aufstieg aus dem Stuttgarter Kessel über Vaihingen wäre steil geworden und hätte einen zweiten Bahnhof in Stuttgart nötig gemacht.

Am 23. Juni 1865 stimmte die Abgeordnetenkammer ab. Das Ergebnis lautete 44 zu 42 für Leonberg. Knapper geht es kaum.

Zwei Männer in der Regierung hatten dabei ein Interesse, das über die Sache hinausging. Außenminister Karl von Varnbüler war zugleich für das Eisenbahnwesen zuständig, und seine Familie besaß neben dem Stammsitz Hemmingen auch das Schloss in Höfingen samt Gütern. Finanzminister Andreas von Renner stammte aus Ditzingen. Der Ditzinger Stadtarchivar Florian Hoffmann formuliert es in seiner Arbeit zur Bahnhofsgeschichte zurückhaltend, aber deutlich: Varnbüler befürwortete die billigere Trasse, nicht ganz uneigennützig.

Das Gesetz über Bau und Finanzierung erschien am 13. August 1865, unterzeichnet von Renner und Varnbüler.

Der Bau

Planung und Bauleitung lagen bei Carl Julius Abel, einem erfahrenen Eisenbahningenieur. In Leonberg entstand ein eigenes Bauamt unter Bauinspektor Heigelin. Die Hochbauten, also Bahnhöfe und Wärterhäuser, leitete Bauinspektor Schurr.

Allein auf den 2,865 Kilometern Ditzinger Markung waren rund 300 Grundeigentümer betroffen. Gearbeitet wurde überwiegend von Arbeitern aus Italien und Polen. Den Schotter für das Gleisbett lieferten die Höfinger Steinbrüche.

Die Strecke ging in drei Etappen in Betrieb:

  • 23. September 1868 von Zuffenhausen bis Ditzingen
  • 1. Dezember 1869 von Ditzingen über Leonberg bis Weil der Stadt
  • 20. Juni 1872 von Weil der Stadt bis Calw

Bei der Eröffnung 1868 brachte der Leonberger Oberamtsaktuar Strobel einen Toast aus. Er freue sich, dass auch das Strohgäu, die Kornkammer der Residenz, dem Weltverkehr sich erschließe.

Der Abschnitt durchs Glemstal war der aufwendigere. Er bedurfte schon hinter Ditzingen großer Einschnitte und Dämme. Wichtigstes Bauwerk war eine Eisengitterbrücke über die Glems mit 20 Metern lichter Weite, geliefert von der Maschinenfabrik Esslingen.

Fünf Posten auf sieben Kilometern

Wie viele Bahnwärterhäuser es zwischen Leonberg und Ditzingen gab, stand nirgends geschrieben. Die Antwort steckt in einer Karte.

Das Messtischblatt Leonberg von 1896, herausgegeben vom Königlich Württembergischen Statistischen Landesamt im Maßstab 1:25000, kennzeichnet Bahnwärterhäuser mit einem kleinen Gebäudesymbol und den Buchstaben B.W. Zugleich trägt es die Streckenkilometrierung ein. Damit lassen sich die Posten direkt ablesen.

Ausschnitt aus dem Messtischblatt Leonberg von 1896. Das Gebäudesymbol mit der Beschriftung B.W. steht an einer Wegkreuzung bei der Tonmühle, links davon der Kilometerstein 10. Das Nachbaranwesen Glaunhalde trägt nur ein H. für Haus. Deutsche Fotothek / SLUB Dresden, Lizenz CC BY-SA 4.0.

Fünf Marken finden sich auf dem Abschnitt. Zwei davon waren vorher unbekannt.

Die fünf Wärterposten zwischen Leonberg und Ditzingen. Grafik: gleismomente.de
LageStreckenkilometerHeute
bei der Felsensägmühlerund 13,4erhalten und bewohnt
Weiler Lindenberg, bei Scheffelmühle und Schokenrain12,32erhalten und bewohnt
bei der Tilghäuslesmühle, am heutigen Haltepunkt Höfingen11,05erhalten und bewohnt
an der Tonmühle9,65erhalten, heute vertafelt
westlich des Bahnhofs Ditzingenrund 8,3verschwunden

Das ergibt im Schnitt einen Posten alle 1,3 Kilometer. Zum Vergleich: An der württembergischen Brenzbahn zwischen Aalen und Ulm lagen die Wärterhäuser rund einen Kilometer auseinander, mit der Vorgabe, dass jeder Posten den nächsten sehen konnte.

Die Kilometerangaben aus der Karte sind auf etwa hundert Meter genau. Wo Archivfotos mit Kilometercodes vorliegen, stehen die genauen Werte.

Warum gerade dort

Wärterposten standen nicht zufällig. Sie standen dort, wo etwas zu bewachen war, und das war fast immer eine Stelle, an der ein Weg die Bahn kreuzte.

Beim Haus an der Tonmühle lässt sich das besonders schön zeigen. Die württembergische Flurkarte, aufgenommen zwischen 1818 und 1840 und damit lange vor der Bahn, verzeichnet an dieser Stelle kein Gebäude. Sie zeigt aber einen Weg, der vom Hochplateau hinunter zur Fleischmühle führt und genau den Korridor quert, in dem später die Trasse lag. Als die Bahn 1869 kam, musste dieser Übergang gesichert werden. Dafür entstand der Posten.

Heute liegt an dieser Stelle eine Brücke. Bahnübergänge gibt es zwischen Leonberg und Ditzingen keine mehr.

Was aus der Strecke wurde

Der Glemstal-Abschnitt war der erste, den man nachträglich zweigleisig ausbaute. Am 30. September 1932 ging das zweite Gleis zwischen Ditzingen und Leonberg in Betrieb. Dabei verschwanden die höhengleichen Übergänge und wurden durch Brücken und Unterführungen ersetzt.

Elektrisch fuhr die Strecke ab dem 15. Mai 1939. Am 1. Oktober 1978 begann der S-Bahn-Betrieb der Linie S6. Seit Dezember 2012 hält in Höfingen zusätzlich die S60.

Mit jedem dieser Schritte wurden die Wärterposten überflüssiger. Zuerst nahm ihnen die Technik die Verständigung ab, dann die automatische Schranke den Dienst am Übergang, und zuletzt fiel mit dem Umbau der Übergang selbst weg.

Was von den Häusern geblieben ist

Vier der fünf Häuser stehen noch, und drei davon sind Wohnhäuser geworden.

Zum Vergleich lohnt der Blick auf die Brenzbahn. Dort standen anfangs sechzig Wärterhäuser. Schon rund zwanzig Jahre nach dem Bau wurden die ersten entbehrlich und an Private vermietet oder verkauft. 1922 ging die Streckenüberwachung auf Streckenläufer über. Ab etwa 1960 kamen automatische Schrankenanlagen, 1973 ein neues Stellwerk, danach fielen mehrere Posten. Von den sechzig Häusern verschwanden dreißig, das letzte im Jahr 2006.

Die Hälfte also. Im Glemstal sieht es deutlich besser aus, und das hat einen einfachen Grund. Ein Wärterhaus verliert seine Funktion, aber es bleibt ein Haus. Die Bahn vermietete die Gebäude zunächst an eigene Leute, später verkaufte sie sie. Beim Haus bei Lindenberg lässt sich das datieren: Die Familie, die heute dort lebt, zog 1963 ein, weil die Wohnung frei wurde, und der Mann arbeitete bei der Bahn. Fast hundert Jahre nach dem Bau war das Haus also noch eine Eisenbahnerwohnung.

Woran man ein Bahnwärterhaus erkennt

Wer die Häuser heute sieht, hält sie leicht für gewöhnliche Wohngebäude. Vier Merkmale verraten sie trotzdem.

Die Lage. Sie stehen unmittelbar am Gleis, meist zehn bis zwanzig Meter von der Gleisachse entfernt, und fast immer dort, wo früher ein Weg die Bahn kreuzte. Das Haus an der Tonmühle steht auf fünf Grad genau parallel zum Gleis. Bauernhäuser und Feldscheunen richten sich nach Flurgrenzen oder Hanglage aus, Bahngebäude nach der Trasse.

Der seitliche Anbau. An allen erhaltenen Häusern sitzt ein niedrigerer Bauteil an der Seite. Dort waren Stall, Holzlege und Werkzeugkammer untergebracht, so wie es Viktor von Röll 1912 für Wärterhäuser beschreibt.

Der Garten. Zum Posten gehörte Grund zur Selbstversorgung, und der war Teil der Bezahlung. Auf einer Archivaufnahme von 1988 ist der Nutzgarten beim Haus bei Lindenberg noch mit angelegten Beeten zu sehen.

Die Bauform. Zweigeschossiger Quaderbau, ein Zahnschnittfries zwischen den Geschossen, ein verzierter Giebel, Fenster mit steinernen Gewänden und Klappläden.

Was offen ist

Ein ehrlicher Zwischenstand gehört dazu.

Die Bauform des Hauses bei der Felsensägmühle. Es ist das einzige der vier erhaltenen, von dem kein historisches Foto vorliegt. Ob es dieselben Merkmale trägt wie die Häuser in Höfingen und bei Lindenberg, ist offen.

Die Nutzung des Hauses an der Tonmühle. Es steht und ist vertafelt. Ein Beleg zur heutigen Nutzung fehlt.

Die Postennummern. Die Häuser trugen fortlaufende Nummern in Kilometerrichtung. Aus einer Fotosammlung lässt sich die Postenkette der Strecke in Umrissen rekonstruieren, von Posten 2 bei Zuffenhausen über Posten 16 westlich von Leonberg bis Posten 40 bei Calw-Heumaden. Welche Nummern auf unsere fünf Häuser entfielen, ist offen.

Die Baujahre. Alle fünf Posten dürften mit dem Streckenbau entstanden sein, für das Glemstal also um 1869. Ein Baudatum aus den Akten liegt für keines der Häuser vor.

Die Antworten dürften im Staatsarchiv Ludwigsburg liegen, wo die Hochbaupläne der Eisenbahndirektion Stuttgart lagern, und in der Monografie von Hans-Joachim Knupfer zur Strecke.

Ein Aufruf

Wenn Sie in Höfingen, Leonberg oder Ditzingen zu Hause sind und etwas zu diesen Häusern wissen, freue ich mich über eine Nachricht. Alte Fotos, Familienerinnerungen, der Name eines Bahnwärters, eine Postennummer auf einem alten Papier. Solche Dinge liegen oft in Schubladen und stehen in keinem Archiv.

Häufige Fragen

Wo verlief die Württembergische Schwarzwaldbahn?

Von Stuttgart-Zuffenhausen über Korntal, Ditzingen, Höfingen und Leonberg nach Weil der Stadt und weiter nach Calw. Der Abschnitt bis Weil der Stadt ist heute die S-Bahn-Linie S6. Zwischen Weil der Stadt und Calw wurde der Personenverkehr 1983 eingestellt und 2026 als Hermann-Hesse-Bahn wieder aufgenommen.

Wie viele Bahnwärterhäuser gab es zwischen Leonberg und Ditzingen?

Auf dem Messtischblatt von 1896 sind fünf verzeichnet. Vier davon stehen noch, drei sind bewohnt. Einer ist verschwunden.

Kann man die Häuser besichtigen?

Nein. Alle sind in Privatbesitz und teilweise bewohnt. Von öffentlichen Wegen aus sind sie zu sehen, unter anderem vom Glemsmühlenweg, der über weite Strecken parallel zur Bahn verläuft.

Warum wurde die Strecke über Leonberg gebaut und nicht über Böblingen?

Aus Kostengründen, und weil zwei Minister mit persönlichem Bezug zur Region sich dafür einsetzten. Die Entscheidung fiel am 23. Juni 1865 mit 44 zu 42 Stimmen.

Sind die Häuser denkmalgeschützt?

Nein. In den Kulturdenkmallisten von Leonberg und Ditzingen taucht keines auf. Denkmalgeschützt ist dagegen das Empfangsgebäude des Ditzinger Bahnhofs von 1868.

Quellen

Florian Hoffmann: Das Strohgäu dem Weltverkehr erschließen. 150 Jahre Bahnhof Ditzingen, in: Ludwigsburger Geschichtsblätter 73.

Topographische Karte des Königreichs Württemberg 1:25000, Blatt 56 Leonberg, Ausgaben 1896 und 1929, Deutsche Fotothek der SLUB Dresden.

Historische Flurkarte Württemberg 1:2500, Aufnahme 1818 bis 1840, Landesamt für Geoinformation und Landentwicklung Baden-Württemberg.

Landesamt für Denkmalpflege Baden-Württemberg, Datenbank Bauforschung, Streckendokumentation Württembergische Schwarzwaldbahn.

Landesarchiv Baden-Württemberg, Staatsarchiv Ludwigsburg, Bestand PL 734, Fotosammlung Harald Knauer.

Uwe Siedentop: Die Brenztalbahn, Heidenheim 2007.

Viktor von Röll: Enzyklopädie des Eisenbahnwesens, 2. Auflage 1912.

Die Reihe im Überblick


Transparenzhinweis KI

Auf dieser Website werden vereinzelt Texte, Bilder und Grafiken mit Unterstützung künstlicher Intelligenz erstellt oder bearbeitet. Alle Inhalte werden vor der Veröffentlichung sorgfältig geprüft, redaktionell überarbeitet und verantwortet.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert

WordPress Cookie Plugin von Real Cookie Banner