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Eisenbahnmuseum Trossingen: Mit dem ältesten Elektrozug der Welt unterwegs

Man muss in Trossingen nicht lange suchen. Direkt am Bahnhof Trossingen Stadt steht das Eisenbahnmuseum, und schon draußen wird klar, warum sich der Besuch lohnt. Zwischen heutiger Bahntechnik und modernen Regionalzügen stehen Fahrzeuge, die aus einer Zeit stammen, in der elektrische Eisenbahnen noch etwas völlig Neues waren.

Wir waren Anfang September vor Ort und hatten dabei besonders viel Glück. T1 und die kleine Elektrolok „Lina“ standen nicht nur vor dem Museum, sondern wurden auch bewegt. Genau das ist der Moment, in dem aus einem Museumsbesuch plötzlich etwas anderes wird. Wenn sich bei einer mehr als 120 Jahre alten Elektrolok der Stromabnehmer hebt und die Maschine anschließend tatsächlich losfährt, wirkt die Geschichte auf einmal erstaunlich nah.

Lina und T1 vor dem Eisenbahnmuseum Trossingen.

Eine eigene Bahn für Trossingen

Die Geschichte der Trossinger Eisenbahn beginnt Ende des 19. Jahrhunderts. Der Bahnhof an der Strecke zwischen Rottweil und Villingen lag mehrere Kilometer außerhalb des Ortes. Für Reisende war das umständlich, für die örtlichen Betriebe wurde die Lage zunehmend zum Problem. Trossingen war stark von der Musikinstrumentenindustrie geprägt, entsprechend wichtig war eine vernünftige Verbindung zur großen Eisenbahn.

Die Lösung war für die damalige Zeit ausgesprochen modern. Trossingen baute eine eigene elektrische Verbindungsbahn. Am 14. Dezember 1898 wurde der Betrieb aufgenommen. Während andernorts Dampflokomotiven noch selbstverständlich zum Alltag gehörten, fuhren auf der kurzen Trossinger Strecke bereits elektrische Triebwagen.

Zu den ersten Fahrzeugen gehörten die beiden Triebwagen T1 und T2. T1 ist bis heute erhalten und gehört zu den Fahrzeugen, wegen denen sich die Fahrt nach Trossingen besonders lohnt.

T1 „Zeug Christe“ von 1898

Von außen wirkt T1 fast wie ein übergroßer Straßenbahnwagen. Der dunkelgrüne Aufbau, die großen Fenster und der auffällige Stromabnehmer geben ihm ein Aussehen, das man sofort mit den frühen Jahren der elektrischen Eisenbahn verbindet.

Der Wagen wurde 1898 von MAN gebaut, die elektrische Ausrüstung stammte von AEG. Zwei Elektromotoren treiben das Fahrzeug an. Die Höchstgeschwindigkeit liegt bei lediglich 25 km/h. Auf der kurzen Verbindung durch Trossingen war mehr Geschwindigkeit auch kaum erforderlich.

T1 „Zeug Christe“ von 1898 am Bahnhof Trossingen Stadt.

Richtig interessant wird es im Inneren. Viel Holz, einfache Bänke, kleine Fenster und eine Ausstattung, die heute fast gemütlich wirkt. Gleichzeitig sieht man sofort, wie einfach viele Dinge damals gelöst wurden. Große Verkleidungen oder moderne Bedienflächen gibt es nicht. Viele Teile der Technik bleiben sichtbar.

Der Führerstand ist dabei eines der spannendsten Details. Ein großes Handrad, massive Schalter und wenige Anzeigen reichen aus. Wer aktuelle Führerstände kennt, muss sich hier erst einmal orientieren. Gleichzeitig wird schnell deutlich, dass jede Funktion einen sehr direkten mechanischen oder elektrischen Bezug hatte.

Der Führerstand von T1 mit großem Handrad und historischen Bedienelementen.

Gerade solche Details machen für mich den Reiz des Museums aus. Es geht hier nicht darum, möglichst viele Fahrzeuge auf engem Raum unterzubringen. Man kann sich einzelne Fahrzeuge in Ruhe ansehen und entdeckt dabei immer wieder Kleinigkeiten. Alte Schalter, Beschriftungen, Leitungen und Metallteile erzählen oft mehr als eine reine Fahrzeugaufnahme.

Der älteste betriebsbereite Elektrozug der Welt

T1 wurde zusammen mit dem historischen Beiwagen B2 und der Elektrolokomotive „Lina“ restauriert. Seit 1990 können die Fahrzeuge wieder gemeinsam eingesetzt werden. Der historische Zug gilt als ältester betriebsbereiter Elektrozug der Welt.

Das entscheidende Wort ist dabei „betriebsbereit“. Alte Fahrzeuge kann man in vielen Museen sehen. In Trossingen besteht die Möglichkeit, mehr als 120 Jahre alte elektrische Eisenbahntechnik tatsächlich in Bewegung zu erleben.

T1 und Lina gemeinsam auf dem Gelände des Museums.

Bei unserem Besuch konnte man sehr schön beobachten, wie die historischen Fahrzeuge vorbereitet und bewegt wurden. Sobald der Stromabnehmer an der Fahrleitung liegt und die Maschine langsam anrollt, hört man automatisch genauer hin. Das Tempo spielt dabei überhaupt keine Rolle. Allein zu wissen, wie alt das Fahrzeug ist, reicht völlig aus.

Lina: klein, kantig und ziemlich außergewöhnlich

Direkt neben T1 fällt die kleine Elektrolokomotive EL 4 auf. In Trossingen kennt man sie vor allem unter ihrem Namen „Lina“. Sie wurde 1902 beschafft, nachdem der Güterverkehr auf der jungen Bahn deutlich zugenommen hatte.

Mit einer Länge von knapp sechs Metern wirkt Lina heute fast wie eine Modellbahnlokomotive im Maßstab 1:1. Die lange Haube, der kleine Führerstand und der mächtige Stromabnehmer sorgen für ein ungewöhnliches Erscheinungsbild. Trotzdem handelt es sich um eine vollwertige Elektrolokomotive, die für den Rangier- und Güterverkehr gebaut wurde.

Die Elektrolokomotive „Lina“ während unseres Besuchs in Trossingen.

Am Fahrzeug kann man viele Dinge sehen, die bei modernen Lokomotiven längst hinter Verkleidungen verschwunden sind. Puffer, Kupplung, Stromabnehmer, Leitungen und große Teile des Fahrwerks liegen offen vor einem. Besonders spannend ist deshalb ein Blick zwischen die Fahrzeuge.

Puffer und Kupplung zwischen den historischen Fahrzeugen aus nächster Nähe.

Auch Lina fährt höchstens 25 km/h. Für ihre ursprüngliche Aufgabe war das vollkommen ausreichend. Die Lok sollte Wagen bewegen, rangieren und den Güterverkehr auf der kurzen Verbindungsbahn abwickeln.

Vom Handrad zum klassischen Triebwagen

Wer nach Trossingen kommt, sollte sich nicht nur auf T1 und Lina konzentrieren. In und um die Fahrzeughalle stehen mehrere weitere Fahrzeuge der ehemaligen Trossinger Eisenbahn. Dadurch lässt sich gut nachvollziehen, wie sich die Technik über die Jahrzehnte verändert hat.

Besonders deutlich wird das bei den Führerständen. Die späteren Triebwagen besitzen bereits einen Arbeitsplatz, der wesentlich vertrauter aussieht. Instrumente, Bremshebel und Schalter liegen übersichtlicher vor dem Fahrer. Trotzdem ist auch hier noch sehr viel Mechanik vorhanden.

Der Führerstand eines späteren Trossinger Elektrotriebwagens.

Der blau lackierte T6 stammt aus dem Jahr 1968 und gehört damit schon zu einer völlig anderen Fahrzeuggeneration. Der Wagen blieb bis in die letzten Jahre des klassischen Betriebs erhalten. 2003 übernahm der Ringzug den Personenverkehr auf der Strecke.

Der T6 von 1968 im Außenbereich des Museums.

Werkzeug, Ersatzteile und alte Bahntechnik

Die Fahrzeuge nehmen natürlich den größten Teil der Aufmerksamkeit ein. Trotzdem lohnt es sich, auch die kleineren Ausstellungsstücke anzusehen. Im Museum stehen zahlreiche Dinge, die früher einfach zum täglichen Bahnbetrieb gehörten.

Dazu gehören große Werkzeuge, Achslager, Zahnräder, Prüfgeräte und weitere Bauteile aus der Werkstatt. Manche Stücke wirken auf den ersten Blick eher unscheinbar. Zusammen vermitteln sie aber einen guten Eindruck davon, wie viel Arbeit hinter dem Betrieb einer kleinen elektrischen Bahn steckte.

Blick in die Fahrzeughalle des Eisenbahnmuseums Trossingen.

Sehr schön ist auch der Bereich rund um den früheren Fahrkartenverkauf. Alte Fahrscheine, Tariftafeln und Schaltertechnik erinnern an den Bahnalltag vergangener Jahrzehnte. Gerade die alten Preisangaben und Fahrkarten sind Dinge, bei denen man automatisch etwas länger stehen bleibt.

Historische Fahrkarten, Tarifinformationen und alte Schaltertechnik.

Dazu kommen Signale, Schilder und verschiedene Gegenstände aus dem täglichen Betrieb. Die Ausstellung wirkt dabei stellenweise eher wie eine erhaltene Eisenbahnwerkstatt als wie ein modernes Hochglanzmuseum. Das passt ziemlich gut zum Thema.

Alt und neu liegen direkt nebeneinander

Ein weiterer Punkt, der uns in Trossingen gut gefallen hat, ist die Lage des Museums. Die historischen Fahrzeuge stehen direkt am heutigen Bahnhof. Während auf einem Gleis T1 oder Lina stehen, fährt wenige Meter weiter der reguläre Regionalverkehr vorbei.

Historischer Trossinger Triebwagen und moderner Ringzug am selben Bahnhof.

Dieser direkte Vergleich funktioniert besser als jede Zeittafel. Zwischen den Fahrzeugen liegen weit über hundert Jahre technischer Entwicklung. Trotzdem stehen sie am selben Bahnhof und fahren teilweise sogar noch unter derselben Oberleitung.

Unser Eindruck vom Eisenbahnmuseum Trossingen

Das Eisenbahnmuseum Trossingen ist kein riesiges Museum, für das man einen ganzen Tag einplanen muss. Genau das hat uns gefallen. Die Sammlung hat ein klares Thema, und fast jedes größere Exponat gehört unmittelbar zur Geschichte der Stadt und ihrer Eisenbahn.

Für uns war der Höhepunkt eindeutig der Betrieb der historischen Fahrzeuge. T1 und Lina in Bewegung zu sehen, ist etwas, das man bei einem normalen Museumsbesuch kaum erlebt. Gerade weil die Fahrzeuge so alt sind, schaut man automatisch genauer hin.

Wer sich für historische Elektrofahrzeuge, Nebenbahnen oder alte Eisenbahntechnik interessiert, sollte Trossingen deshalb auf die Ausflugsliste setzen. Wenn sich der Besuch mit einem Termin verbinden lässt, an dem die historischen Fahrzeuge unterwegs sind, wird die Sache noch einmal interessanter.

Der Eingang zum Eisenbahnmuseum direkt am Bahnhof Trossingen Stadt.

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